BT-Kolumne
Warum Halloween schlecht für Kinder ist – aber gut für die Eltern

Simon Libsig* schreibt in seiner 74. Folge der «Baden-Balladen» über einen süssen Abend.

Simon Libsig
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Irgendwann sagte das Kind, Süssigkeiten seinen wirklich nicht gut.

Irgendwann sagte das Kind, Süssigkeiten seinen wirklich nicht gut.

Bild: fotolia

Und ab hier», sagte ich und klopfte mit dem Besenstil auf den Plan, den ich an die Wand gepinnt hatte, «schicken wir die Kleinen durch die Hölle.» Die ganze Familie brach in Jubel aus. Dieses Halloween würde alles toppen. Die Idee war schlicht brillant.

Meine Frau und ich hatten uns extra frei genommen. Zwei Wochen. Für die Vorbereitung. Die Kinder assen und schliefen in dieser Zeit bei den Grosseltern, wir wollten ihnen den ganzen Umbau nicht zumuten. Zudem hatten wir alle unsere Möbel ausgelagert. Allein schon der Transport, und die Miete des Lagerraums... kostete...aber gut. Man steigert sich halt rein.

«Wie viele Zähne wackeln bei dir aktuell?», fragte ich den älteren der beiden Löwen. Sofort riss er den Mund auf und klappte mit dem Zeigefinger fünf Zähne nach innen. «Gut», sagte ich, «das kommt gut.» In meiner Erinnerungskiste im Keller fand ich zehn meiner Milchzähne, und meine Frau hatte ihre sogar vollständig aufbewahrt, an einer Kette. Der jüngere Löwe war zunächst enttäuscht, weil er noch keine Zähne beisteuern konnte, dafür hatte er erst gerade seinen Arm gebrochen. «Damit können wir auch arbeiten», tröstete ich ihn. Der Gips leuchtete im Dunkeln.

«Dieses Jahr gehen wir nicht von Tür zu Tür und holen uns Süssigkeiten. Nein. Dieses Jahr kommen die Süssigkeiten zu uns», sagte meine Frau. Sie lächelte ihr schönstes Zahnputzfee-Lächeln. In dem weissen Kittel sah sie bezaubernd aus. Die riesige rote Zahnbürste ruhte wie ein Baseballschläger auf ihrer Schulter. Die Show konnte beginnen.

Das Entrée war der Mund. Aufwendig gestaltet. Wir hatten uns Tipps von Bühnenbildnern und Theaterproduzentinnen geholt. Und als die Kids mit ihren bereits überfüllten Süssigkeiten-Kesselchen eintraten, wehte ihnen als erstes ein übler Verwesungsduft entgegen. Unsere Katzen sind zum Glück sehr erfolgreiche Jäger. Und essen dann aber doch lieber Nassfutter. Drei tote Mäuse in einem Tupperware, Ventilator drüber, fertig. «Mundgeruch», begann meine Frau die Lektion, «kann ein erstes Symptom von Kariessein.»

«Auch Mundfäule genannt», erklärte der jüngere Löwe und leuchtet mit seinem Gips das Gesicht des älteren Löwen aus. Wie auf Kommando purzelten zwei Frontzähne aus dessen Mund, und ein Gummibärli hinterher. Die Kids wichen angeekelt Richtung Küche aus, die wir ganz dem Thema «entzündetes Zahnfleisch» widmeten. Unter ihren Füssen knirschten und zersplitterten meine Milchzähne.

Und als das Zahnfleisch an mehreren Stellen zu bluten begann, nur schon aus dem Backofen tropften fünf Liter Theaterblut, rannten sie kreischend ins Wohnzimmer. Hier meisselte ich zu Hitchcocks originaler Psycho-Musik an übergrossen, freiliegenden Zahnhälsen herum, während meine Frau in die Runde fragte, wie es denn so allgemein mit Zahnseide aussehe.

Im grossen Schlafzimmer lief eine Audio-Installation. Ein Endlosschlaufen-Mix aus Bohr-Geräuschen, Schreien und dem Satz «sie händ mir die ganzi Schnorre usgruumt!» Und im Keller gab es dann für jeden einen freien Zahnarztstuhl, und das Angebot einer gratis Wurzelbehandlung. Meine Frau erklärte detailliert den Ablauf, während sie mit der Kette um ihren Hals spielte. Die riesige rote Zahnbürste versperrte derweil den Fluchtweg.

Süssigkeiten seien wirklich nicht gut, doppelte der grössere Löwe mit zwei Eckzähnen nach. «Und dick machen sie auch», sagte ich und zog mein T-Shirt hoch. Das gab ihnen den Rest. Am Schluss liessen alle Kids freiwillig ihre Süssigkeiten da. Und wir stürzten uns gierig auf sie.

*Simon Libsig, Poet (42), hat zuletzt den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» veröffentlicht. Er wohnt in Baden.

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