Aargauer Kultur
Eine «narzistische Kränkung» und Hoffen auf die Frühlingssonne – so reagieren Aargauer Kulturveranstalter auf den Bundesratsentscheid

Die Türen bleiben geschlossen. Doch dahinter arbeiten Aargauer Kulturveranstalter an Konzepten, wie sie möglichst bald wieder vor Publikum auftreten können.

Anna Raymann
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Auftritt vor Streamingkamera statt Publikum.

Auftritt vor Streamingkamera statt Publikum.

Thanassis Stavrakis / AP

Die Kinos bleiben leer, die Bühnen und Orchestergräben vorerst verweist. Veranstaltungen sind auch vor 50 Leuten in nächster Zeit nicht erlaubt, so hat sich der Bundesrat heute, Freitag, gegen weitere Öffnungsschritte ausgesprochen. Die Entwicklung der Zahlen stets im Blick, überrascht der Entscheid die Aargauer Kulturbetriebe auch nach den Versprechungen der letzten Woche nicht.

Längst ist die Situation prekär, und natürlich drängt es Kulturschaffende aller Sparten, endlich wieder vor realem Publikum auftreten zu dürfen. Dennoch reagieren die Aargauer Veranstalter pragmatisch. So planen die Veranstalter lieber vor- und vor allem weitsichtig. Der Tenor ist klar: Öffnen ja - aber erst, wenn die epidemiologische Lage es zulässt. Eine zu rasche Öffnung, die zu erneuten Schliessungen führte, wäre schwerer zu verkraften, als die bestehenden auszuharren.

Privilegien nur, wenn sie das Publikum akzeptiert

Susanne Slavicek, Vorstand des AGKV und Geschäftsführerin vom Bluesfestival Baden.

Susanne Slavicek, Vorstand des AGKV und Geschäftsführerin vom Bluesfestival Baden.

Alex Spichale / BAD

Susanne Slavicek vertritt im Aargauischen Kulturverband (AGKV) die Interessen der Kulturschaffenden im Kanton und vermittelt zur Politik. «Die Kulturinstitutionen sind für Öffnungen vorbereitet: Konzepte wie das Basler Modell geben klare Leitlinien zur Auslastung von Räumen und Publikumsverteilung.» Privilegien wie Konzerte für Geimpfte würden bisher erst wenig konkret diskutiert: «Solche Massnahmen können wir nur aufnehmen, wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung da ist.» Umfragen deuten auf wenig Akzeptanz. Und auch Slavicek ist ambivalent, aber überzeugt, dass das Thema diskutiert und nach einer möglichst einheitlichen Lösung gesucht werden sollte.

In ihrer weiteren Funktion als Geschäftsführerin des Bluesfestivals Baden, hofft Slavicek indes im Mai auf gutes Wetter: «Das Virus mag keine frische Luft und es mag keine Sonne.» Da bis dahin nun aber noch vieles im Argen liegt, muss die Planung flexibel bleiben: «Wir denken - und planen - in allen möglichen Szenarien. Aber das Programm wird so nicht dieselbe Komplexität wie in anderen Jahren haben.»

Neue digitale Normalität

Bettina Spoerri, Leiterin des Aargauer Literaturhauses.

Bettina Spoerri, Leiterin des Aargauer Literaturhauses.

Hansjoerg Sahli / SZ

«Auch eine Öffnung hätte letztlich nichts am Programm geändert», sagt Bettina Spoerri, Leiterin des Aargauer Literaturhaus Lenzburg. «Mit den nötigen Schutzmassnahmen wären Veranstaltungen in den eigenen Räumen nicht rentabel, weil nur Platz für 22 Personen. Das Einmieten in Aulen steigerte die Gesamtkosten um das zehn- bis zwölffache der Einnahmen. Eigentlich lohnen sich analoge Lesungen erst wieder unter Vor-Corona-Bedingungen.»

Bis dahin setzt Spoerri auf digitale und hybriede Alternativen, die das Publikum schätzt. In den letzten Monaten hat das Aargauer Literaturhaus technisch aufgerüstet: «Wir haben uns darüber quasi eine Weiterbildung zu Streaming und Digitalisierung in low budget erarbeitet. Die Ausgaben sollen nun auch rentieren: Mit den neuen Mitteln entwickeln wir adäquate Vermittlungsformate.»

Kino ohne Popcorn rentiert nicht

Kinounternehmerin Alexandra Sterk.

Kinounternehmerin Alexandra Sterk.

Severin Bigler

Kinobetreiberin Alexandra Sterk spürt man den Frust an. «Wir haben wenige Möglichkeiten unseren Gästen ein alternatives Programm anzubieten. Wir haben keine Streamingrechte und für Vorführungen gibt es zurzeit nur drei Studiofilme.» Auch für ihre drei Kinos in Baden hätte eine Öffnung für 50 Personen nicht rentiert - weniger wegen der Eintritte, mehr wegen der fehlenden Konsumation. «Wie wir mit dem Entscheid umgehen, diskutieren wir kommende Woche. Wir prüfen, ob die Lockerungen für private Treffen, auch private Filmvorführungen ermöglichen.»

Fokus auf Eigenproduktionen

Peter Kelting, Leiter des Theater Tuchlaube in Aarau.

Peter Kelting, Leiter des Theater Tuchlaube in Aarau.

Emanuel Per Freudiger / KUL

«Ironisch formuliert kann man sagen: Uns ist jetzt klar, dass Kultur offenbar nicht als systemrelevant verstanden wird. Das ist natürlich eine narzistische Kränkung», sagt Peter Kelting, Co-Leiter der Bühne Aarau. «Natürlich wollen wir alle zurück auf die Bühne. Aber ich rechne nicht damit, dass wir vor Ende April oder Mai wieder vor Publikum spielen.» Stattdessen gibt es Vermittlungsprojekte mit Schulklassen; das Theater Marie produziert im hybriden Modus. «Momentan ist die Situation für uns dank der Ausfallentschädigungen noch nicht existenziell», so Kelting, «aber ein Nullsummenspiel ist es auch nicht.»

Für das Theater Tuchlaube verzichtet Kelting auf Streaming: «Wir möchten kein teures Equipement anschaffen, dass wir hoffentlich möglichst bald nie wieder brauchen. Wir planen verstärkt Co-Produktionen mit Aargauer Gruppen, gegenüber unseren Partnern haben wir eine besondere Verantwortung. Ausserdem sind wir in der privilegierten Situation, dass wir mit der Eröffnung der Reithalle im Oktober ein völlig neues Programm aufbauen können und nicht eine alte Situation wiederherstellen müssen.»