Aue Grien-Wöschnau

Verbotene Insel gehört nun der Natur – die Aargauer haben mehr Mühe mit den neuen Regeln

Schon über 200 Menschen wurden diesen Sommer angezeigt, weil sie sich in der Aue Grien-Wöschnau nicht an die Regeln gehalten haben.

Die junge Frau im Bikini ist verdutzt, als sie mitten in ihrem Telefongespräch unterbrochen wird. Ein Mann erklärt ihr freundlich, sie dürfe hier nicht sein; dass die Insel, auf der sie ihr Badetuch ausgebreitet hat, mit einem Betretungsverbot belegt ist. «Wenn die Polizei kommt, erhalten Sie eine Strafanzeige!», warnt Jonas Lüthy. Er muss es wissen: Als Projektleiter beim Amt für Raumplanung des Kantons Solothurn ist er unter anderem für das «Grien» zwischen Erlinsbach und Wöschnau – gleich an der Kantonsgrenze und vor den Toren der Stadt Aarau – verantwortlich.

Das Naturreservat unterhalb des Stauwehrs hat Mitte Mai Schlagzeilen gemacht, weil Scharen von Erholungssuchenden eine böse Überraschung erlebten: Sie wussten nicht – oder wollten es nicht wissen – dass hier jetzt nach einem Regierungsratsbeschluss strenge Regeln gelten. Konkret bedeutet das: Man darf auf dem gesamten Areal keine Feuerstelle mehr errichten, Velofahren ist verboten, Hunde gehören an die Leine. Und: Für eine beliebte Badeinsel mit Sand- und Kiesstränden sowie für einen Bereich mit Amphibienbiotop gilt ein Betretverbot. Wer es missachtet, wird bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht und zahlt deshalb nicht nur eine Busse, sondern auch saftige Gebühren.

Zusätzlich Absperrketten montiert

Die Empörung war gross. Im Mai gab es 146 Verzeigungen, im Juni immerhin noch 72. Auffallend viele – fast drei Viertel – gegen Aargauer aus dem Raum Aarau. Eine Mischung aus der Coronakrise, die die Menschen über Auffahrt und Pfingsten zu Hause hielt, und einer Kommunikation, die den Sprung über die Kantonsgrenze nicht so richtig geschafft hat. Im Solothurner Niederamt wurden nämlich alle Haushaltungen per Flyer informiert, im Raum Aarau nicht. Was keine Ausrede ist: Vor Ort zeigen Informationstafeln die neuen Regeln ebenfalls an. Und seit gleich so viele Leute aufs Mal angezeigt werden mussten, hat der Kanton zusätzlich Absperrketten auf der Insel montiert. Man muss sich schon Mühe geben, diese zu übersehen.

Warum der ganze Tanz? Das wollen Jonas Lüthy und sein Chef Sacha Peter, Leiter des Amts für Raumplanung, vor Ort erläutern. «Es handelt sich hier um ein Auengebiet von nationaler Bedeutung», sagt Peter. «Kanton und Gemeinde sind in der Pflicht, dem Sorge zu tragen.» Die Planer nennen das Nutzungsentflechtung: Es gibt Gebiete für die Menschen und solche, in denen Pflanzen und Wildtiere Vorrang haben. «Wir wollen nicht möglichst viele Erholungssuchende vertreiben, sondern die Natur bestmöglich schützen», betont Jonas Lüthy. «Es gibt immer noch viele Stellen, an denen man problemlos sonnen und baden kann.»

Planungsprozess dauerte

Aber eben, die Insel gehört nicht dazu. Sie ist entstanden, als 2015/16 ein Nebengerinne zur Hochwasserentlastung angelegt wurde. Eigentlich hätte sie gleich nach Abschluss der Bauarbeiten gesperrt werden sollen. Der Planungsprozess dauerte jedoch länger. Die Reporter dürfen die Insel nur ausnahmsweise mit Sondergenehmigung betreten. Es ist tatsächlich paradiesisch schön. Und genau das ist das Problem. «Die Insel ist so attraktiv, dass eine Koexistenz zwischen Besuchern und Natur gar nicht möglich ist», sagt Sacha Peter. Deshalb die Sperrzone.

Am nordwestlichen Ufer zeigt sich, was Menschen erst kürzlich angerichtet haben: «Hier hat der Eisvogel gebrütet», sagt Lüthy und zeigt auf eine sandige Uferwand. Sie ist halb kollabiert. «Jemand hat den Sand abgegraben. Vielleicht Kinder. Sicher war das keine böse Absicht – aber der Eisvogel hat seine Brut verloren.» Den Vögeln soll die gesperrte Insel eine Ruheoase bieten: «Bodenbrüter wie die Nachtigall oder der Flussläufer werden gestört, wenn alle Viertelstunde ein Hund hier durchrennt», sagt Lüthy.

Zuerst wurde informiert, jetzt folgt eine Anzeige

Hätte man angesichts der Coronakrise nicht einfach verwarnen können, anstatt die Erholungssuchenden gleich anzuzeigen? «In einer Startphase hat die Polizei nur informiert», betont Lüthy. «Nach einer gewissen Zeit muss man aber Ernst machen.» Sacha Peter fügt an, die neue Regelung diene auch der Bekämpfung des Littering. «Der Leidensdruck der Gemeinden ist sehr gross.» Abfall liegt auf der Insel nicht mehr viel herum, das sei früher schlimmer gewesen, sind sich Lüthy und Peter einig. Und doch finden sich frische Spuren der Zerstörung durch menschliche Hand: Zahlreiche Feuerstellen, teilweise sogar betoniert; Brennholzvorräte, Grillroste, ein an den Baum gespraytes Einhorn. Unerwünscht ist auch das Drüsige Springkraut, ein invasiver Neophyt aus dem Himalaja, den Jonas Lüthy beim Vorbeigehen ausrupft. Über die Auenwald typischen Winterschachtelhalme freut er sich.

Ganz im Nordosten der Insel liegt einer der grössten Kies-Sandbänke des Kantons. Hier brüten Flussuferläufer oder Flussregenpfeifer – wenn man sie denn in Ruhe lässt. Auch die Ödlandschrecke ist angewiesen auf den Lebensraum; zahlreiche Exemplare hüpfen zwischen Steinen und Muscheln. Jonas Lüthy zeigt auf ein unscheinbares Pflänzchen, nur etwa 30 Zentimeter hoch, direkt neben einer improvisierten Feuerstelle: «Das ist eine Tamariske. Die Samen dafür stammen aus dem Gasterntal, wir haben sie in einer Gärtnerei ziehen lassen.» Das Wiederansiedlungsprojekt ist nicht billig, zehn Franken pro Setzling. «Wenn jemand hier nochmals Feuer machen würde, ginge die Pflanze ein.»

Sacha Peter und Jonas Lüthy hoffen nun, dass sich insbesondere auch die Aargauer an die neuen Regeln halten. Sie fürchten einen erneuten Besucheransturm mit dem Beginn der Sommerferien. «Die Kantonspolizei hat nach wie vor den Auftrag, regelmässige Kontrollen durchzuführen und Verstösse zu ahnden», sagt Peter. Vielleicht, so sinnieren Peter und Lüthy, erkennen die Aargauer auch einfach den Wert des «Grien» nicht, weil sie in der glücklichen Lage sind, einige solcher Auen zu haben. «Für den Kanton Solothurn ist das hier etwas ganz Besonderes.»

Meistgesehen

Artboard 1