Aus dem Archiv

Schon fast wieder modern: Als das Zmittag in Aarau mit dem etwas anderen «Foodtruck» kam

Der «Chacheliwagen» aus Erlinsbach: Pferdekutsche statt Kantine

Der «Chacheliwagen» aus Erlinsbach: Pferdekutsche statt Kantine. Mit freundlicher Genehmigung von SRF Archiv.

Jahrzehntelang brachte der «Chacheliwagen» aus Erlinsbach den Fabrikarbeitern in Aarau und Schönenwerd das Mittagessen. Das Aufkommen von Kantinen machten diese Dienstleistung 1961 überflüssig.

Was heute das Tupperware ist, war früher das Chacheli. Es waren Steinguttöpfe, aus denen viele Arbeiter in Aarau bis 1961 ihr Zmittag assen. Nicht gekauft, sondern selbst gekocht.

Dafür, dass die Chacheli rechtzeitig und mit noch warmem Inhalt von den Ehefrauen zu den hungrigen Arbeitern kamen, sorgte der Chachelifuhrmann aus Erlinsbach. Er spannte jeweils um 11 Uhr sein Pferd vor den Wagen, sammelte die Chacheli ein und brachte sie zu den Fabriken in Aarau.

Sein Chacheliwagen war kein herkömmliches Fuhrwerk, sondern eine Art Kasten auf Rädern. Die Frauen packten die Chacheli in Weidenkörbe und warteten damit an bestimmten Stellen. Dort hielt der Chachelifuhrmann seinen Wagen, öffnete dessen Türen und lud die wertvolle Fracht ein. 

Videomaterial aus dem Archiv von SRF zeigt eindrücklich, wie eingespielt dieser Mahlzeitenservice damals vonstatten ging. Einige Arbeiter wurden auf der Strecke gar fliegend versorgt. Am frühen Nachmittag sammelte der Wagen die Körbe mit den leeren Chacheli wieder ein und brachte sie zurück.

1885 wird ein solcher Chacheliwagen-Dienst aus Erlinsbach in den Betriebsunterlagen der Bally-Fabrik in Schönenwerd erstmals erwähnt, wie AZ-Redaktorin Katja Schlegel in einem ausführlichen Artikel 2016 schreibt. Für die Arbeiter war ein Essen im Restaurant zu teuer, eine Kantine gab es nicht und der Weg nachhause war zu lang. Also organisierte man einen Lieferdienst für das Essen von Zuhause. Fünf Jahre später dann führten weitere Gemeinden einen solchen Dienst ein.

Am 28. Juli 1961 ging Fritz Schmid aus Erlinsbach, der «Chacheli-Fritz», ein letztes Mal auf Tour. Statt rund 200 Körbe wie zu Spitzenzeiten transportierte er nur noch gerade 28. Das Aufkommen von Kantinen hat seine Dienstleistung schliesslich überflüssig gemacht. 

Weidenkörbe und Steingutgeschirr statt Plastik, Pferdekutsche statt fossile Brennstoffe – was einst aus der Mode kam, ist heute ja eigentlich Zukunftsmusik. (smo)

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