Bahnhof Aarau

Pendler beklagen sich über WC-Abzockerei

1.50 Franken kostet der WC-Besuch

1.50 Franken kostet der WC-Besuch

Weil viele Bahnhof-Läden keine Personal-Toilette haben, müssen Mitarbeiter zum vollen Preis in das «Hygienecenter».

Im neuen Bahnhof Aarau gibt es gerade mal ein öffentliches WC – ein «Hygienecenter», wie es das dafür zuständige Unternehmen Hering Interpublic mit Hauptsitz in Deutschland nennt. Und wer im neuen Bahnhof Aarau auf die Toilette muss, der hat tief ins Portemonnaie zu greifen: Fr.1.50 kostet ein WC-Besuch.

Pendler sind erbost über den stolzen Preis des WC-Unternehmens. Viele bezahlen jedoch naserümpfend den Betrag, wie ein Augenschein vor Ort zeigt. Innerhalb von 30 Minuten waren über 20 Personen bereit, den Betrag zu bezahlen. «Ich finde es eine Schweinerei», sagt ein Pendler und sucht nach Kleingeld im Portemonnaie, «aber es ist verständlich: Diese Unternehmen wissen, wie man es machen muss. Denn wer dringend muss, der würde doch auch 5 Franken bezahlen», sagt er weiter.

Interpublic verteidigt den Preis: «Hygiene hat ihren Preis», sagt Unternehmenssprecher Thomas Reh. Sie würden damit die Betriebskosten sowie Personalkosten abdecken. Auch deren Auftraggeber, die SBB, rechtfertigt betriebene WC. «Toiletten müssen heutzutage vielerorts überwacht und noch intensiver als früher gereinigt werden, damit sie sich ansehnlich präsentieren», sagt SBB-Sprecher Roman Marti. Er spricht damit den Vandalismus und die Hygiene an. «Niemand benutzt doch gerne verschmutze und von Vandalen beschädigte Toiletten», sagt Marti weiter. Wer sich zudem auf Toiletten gerne sicher und wohl fühlt, sei bereit, dafür einen kleinen Beitrag zu leisten.

Gemeinsam durchs Drehkreuz

Szenenwechsel am Bahnhof Aarau: Mike Weber und sein Göttibueb Philipp aus Bern drehen vor dem Toiletten-Eingang wieder um. Webers Schmerzgrenze, um einmal auf die Toilette zu können, sei bei rund 1 Franken. «Ich bezahle für uns beide bestimmt nicht 3 Franken, damit wir aufs WC können», sagt Weber: «Jetzt gehen wir halt im Naturama aufs WC. Deshalb sind wir nämlich in Aarau.»

Wenig später stehen zwei Teenager vor dem Drehkreuz: «Eins fünfzig? Seh ich aus, als hätte ich so viel Geld?», seufzt Ramona zu Rahel (beide 15), die «zum Shoppen», wie sie sagen, im Bahnhof Aarau weilen. «Mit diesem Geld könnte ich mir auch einen Energy Drink kaufen gehen», sagt Ramona erzürnt, währenddem Rahel sich solidarisch zeigt, und 3 Franken aus dem Portemonnaie kramt. Dann realisieren die beiden, dass kein Mitarbeiter vor Ort ist, und schmuggeln sich zu zweit für
Fr. 1.50 durch das Drehkreuz in die Toilette.

Bahnhof: Nur ein öffentliches WC

Ein älteres Ehepaar hingegen findet den Preis «angemessen». «Ich bezahle für die Hygiene gern etwas mehr», sagt die Dame. Das Ehepaar beklagt sich jedoch darüber, dass es nur ein öffentliches WC im gesamten Aarauer Bahnhof gibt, das erst noch «abgelegen» ist. «Wir müssen durch den ganzen Bahnhof laufen, bis wir auf die Toilette können. Das kann es doch nicht sein», sagt die Dame.

Und wer dann vor dem Eingang steht und kein Kleingeld bis zu einem Zweifränkler zur Hand hat, hat Pech. Denn die umliegenden Geschäftsfilialen tun sich schwer, Geld zu wechseln: «Ich könnte mich den ganzen Tag mit Geldwechseln beschäftigen», sagt Hana Kalludra, Mitarbeiterin beim Textilpflege-Unternehmen 5àsec, das unmittelbar neben dem «Hygienecenter» wirtschaftet. Kalludra muss die Personen jeweils abweisen und darf kein Geld wechseln. Genauso wie das Kleidergeschäft Chicorée. «Wir öffnen die Kasse nicht, um Geld zu wechseln», sagt Filialleiterin Claudia Rizzo und bestätigt, dass «viele» Geld wechseln wollen.

Burger-King-Toilette verwüstet

Hierfür hat auch Burger King zahlreiche Anfragen. Das Fastfood-Restaurant hat jedoch auch selbst eine Toilette für die Gäste. Das WC kann mit einem Code, der an der Kasse verlangt werden kann, benutzt werden. «Es ist für unsere Mitarbeiter sehr mühsam», sagt Daniel Zurkinden, Filialleiter vom Burger King. «Wenn nachgefragt wird, geben wir in der Regel den Code für unsere Toilette heraus», sagt Zurkinden und ergänzt: «An Wochenenden werden aber die Toiletten oft verwüstet. Dann bekommen ihn nur die Kunden.»

Arbeiten, um aufs WC zu können

Was erstaunt: Viele Bahnhofgeschäfte haben keine Personal-Toilette – auch 5àsec nicht. So müssen deren Mitarbeiter in die offizielle Bahnhoftoilette – zum vollen Preis von Fr. 1.50. «Ich gehe mehrmals pro Tag aufs WC und bezahle das jedes Mal selbst. Das summiert sich mit der Zeit», sagt Kalludra.

Ihr Chef habe beim WC-Unternehmen längst einen WC-Schlüssel – der monatlich kostet – für die Mitarbeiter beantragt. Eingetroffen sei er noch immer nicht. Weshalb das so ist, weiss im Unternehmen von Hering Interpublic niemand.

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