Menziken
Die letzten Fotos von der Burgruine Rynach aus – 150 Jahre später nachfotografiert

1872 schlug das letzte Stündlein der Ruine auf der Burg, dem einstigen Stammsitz der Herren von Rynach. Doch kurz vor dem Abtragen des als Aussichtsplattform genutzten Bergfrieds fotografierte der Menziker Jakob Wirz von da aus das Dorf zu seinen Füssen. Die Historische Vereinigung Wynental hat dieses «Menziker Panorama» nun nachfotografieren lassen.

Katja Schlegel
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Das Menziker Panorama, fotografiert von Michael Küng im Auftrag der Historischen Vereinigung Wynental. Einmal 1872 und einmal 2022, vom gleichen Standpunkt von der Burg aus.

Das Menziker Panorama, fotografiert von Michael Küng im Auftrag der Historischen Vereinigung Wynental. Einmal 1872 und einmal 2022, vom gleichen Standpunkt von der Burg aus.

Michael Küng

Jetzt war der Moment gekommen, jetzt hatten die Burger genug. Fast 500 Jahre lang hatten sie die bröckelnde Ruine auf dem Hügel mit dem besten Ausblick über das Tal stehen lassen, aber nun musste sie weg. An ihrer Stelle sollte das neue Schulhaus gebaut werden.

Und so schlug vor genau 150 Jahren, im Juni 1872, die letzte Stunde der einst stolzen Stammburg der Herren von Rynach. Nach ihrer Zerstörung im Vorfeld der Schlacht von Sempach 1386 verschwand sie nun ganz aus der Landschaft.

Die Ruine kurz vor dem Abbruch 1872. Aufnahme aus «Walther Merz: Die mittelalterlichen Burganlagen und Wehrbauten des Kantons Argau» [sic], Band II, Aarau 1906.

Die Ruine kurz vor dem Abbruch 1872. Aufnahme aus «Walther Merz: Die mittelalterlichen Burganlagen und Wehrbauten des Kantons Argau» [sic], Band II, Aarau 1906.

Zvg

Doch bevor der markante, rund zwölf Meter hohe Bergfried, der bis zuletzt als Aussichtsplattform gedient hatte, abgetragen wurde, tat ein Menziker Fotograf etwas mit Weitsicht: Jakob Wirz stieg auf die Plattform und fotografierte das Dorf zu seinen Füssen, von den Tabaktürmen über die Textilfabriken und das 1863 erbaute Menziker Schulhaus bis zur Villa Weber und dem Haus Concordia. Wirz’ drei aneinandergereihte Aufnahmen sind heute als «Menziker Panorama» bekannt. Es ist wohl eine der ältesten Schweizer Panoramen-Aufnahmen überhaupt.

Im April 1872 machte der Menziker Fotograf Jakob Wirz diese drei Aufnahmen, bekannt als «Menziker Panorama».

Im April 1872 machte der Menziker Fotograf Jakob Wirz diese drei Aufnahmen, bekannt als «Menziker Panorama».

Jakob Wirz

Mit einer Drohne auf die Höhe der einstigen Plattform

Heute befindet sich das Panorama im Besitz von Christian Märki, Gerichtspräsident am Bezirksgericht Kulm und leidenschaftlichem Freizeithistoriker. Als solcher und als Mitglied der Historischen Vereinigung Wynental hat er sich der Entstehungsgeschichte des «Menziker Panoramas» angenommen. Und nicht nur das: Märki hat auch veranlasst, dass das Panorama noch einmal fotografiert wird. 150 Jahre später, vom genau gleichen Standpunkt aus. Das gelang, dank einer Drohne.

Das Panorama Menziken, aufgenommen von Michael Küng im Juni 2022.

Das Panorama Menziken, aufgenommen von Michael Küng im Juni 2022.

Zvg

Der Vergleich der beiden deckungsgleichen Aufnahmen ist eindrücklich. Gleich sind noch die Linien der Waldgrenzen, gleich sind das Schulhaus, der «Trolerhof», das Alte Pfarrhaus und die Gebäude im Falkenstein. Aber sonst ist alles anders. «Die Gegenüberstellung der beiden Panoramen macht die enorme Bautätigkeit der letzten Jahre augenfällig», sagt Märki. Würden auf der Aufnahme von 1872 die noch wenigen industriellen Anlagen als Grossbauten in der sonst leeren Landschaft auffallen, gingen sie 2022 in der Menge der Einfamilienhäuser und Wohnblöcke unter. «Die alte Bausubstanz der Strohdachhäuser ist gar völlig verschwunden. Das nicht nur zu wissen, sondern im direkten Fotovergleich so vor Augen geführt zu bekommen, ist schon sehr eindrücklich.»

Panorama soll der Gemeinde geschenkt werden

Die beiden Panoramen sollen der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Die Historische Vereinigung Wynental plant, sie der Gemeinde Menziken zu schenken. Quasi als Hochzeitsgeschenk zur Fusion.