KOLUMNE
Irrungen und Wirrungen einer Liberalen ums Burkaverbot

Ich gebe es ganz unverblümt zu: Ich habe mit der Burkainitiative kokettiert – obwohl mir als Liberale klar ist, eine Kleidervorschrift gehört nicht in einen freiheitlichen Staat, und auch wenn ich mich mit dem Absender der Initiative so gar nicht identifizieren kann.

Fiona Wiedemeier*
Fiona Wiedemeier*
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Eine verschleierte Frau in St.Gallen.

Eine verschleierte Frau in St.Gallen.

Benjamin Manser

Die Feministin in mir liebäugelt mit dem Verbot. Burka und Nikab sind viel mehr als nur Kleidungsstücke, sie sind zutiefst frauenfeindlich. Denn sie berauben die Frau ihrer öffentlichen Identität, verbannen sie dazu, im Schatten zu existieren. Die Vorstellung, dass eine Frau dazu gezwungen ist, beelendet mich. Grundsätzlich von Freiwilligkeit auszugehen, wie das einige GegnerInnen der Initiative tun, scheint mir fahrlässig. Denn Mitglied einer Sekte bleibt man im engeren Sinne des Wortes auch freiwillig – und doch würde niemand einen Zwang bestreiten.

Per se von Unfreiwilligkeit auszugehen, ist aber genauso voreilig. Wir können nicht in die Köpfe der Burkaträgerinnen hineinschauen. Die wenigen Frauen, die sich öffentlich äussern – viele von ihnen Konvertitinnen – erzählen uns, dass sie sich als Ausdruck ihrer religiösen Frömmigkeit bewusst zum Tragen des Nikab entschieden haben. Wir können diesen Entscheid noch so unverständlich finden, aber es ist nicht Aufgabe der Politik, mündige Erwachsene vor sich selber zu schützen.

In der Schweiz gibt es wohl beides; freiwillige und unfreiwillige Nikabträgerinnen. Sollen wir nun Frauen dazu zwingen sich auszuziehen, damit andere Frauen nicht mehr gezwungen sind sich anzuziehen? Im ersten Moment mag man geneigt sein, dieses Opfer in Kauf zu nehmen. Doch durch das Verbannen aus der Öffentlichkeit wird die Burkaträgerin nicht befreit. Ein Mann, der so viel Kontrolle über seine Frau ausübt, wird ihr durch das Verbot nicht plötzlich Freiheiten zugestehen, eher kann sie sich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen.

Zur Person

*Fiona Wiedemeier

*Fiona Wiedemeier

Fiona Wiedemeier (26) ist Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, foraus-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

Burka und Nikab sind aber nicht nur Ausdruck eines patriarchalischen Weltbilds sondern auch das Symbol einer radikalen, fundamentalistischen Auslegung des Islams, die wie alle Extremismen die freiheitliche Gesellschaft bedroht. Wie tolerant können wir als Gesellschaft gegenüber Intoleranz sein? Wenn es um Rechtsextremismus geht, sagen wir «keinen Fuss breit», beim religiösen Extremismus sind wir aber oft auf einem Auge blind. Die Weigerung linksliberaler Kreise, Unterdrückung in religiösen Kontexten zu kritisieren, hat mit den Grund für diese Initiative bereitet.

Die Burka zu verbieten, bleibt jedoch reine Symptombekämpfung. Durch ein Verbot des extremistischen Symbols verhindern wir das zugrundeliegende Gedankengut nicht. Vielmehr stilisieren wir mit einem Verbot die Burka zum «pièce de résistance». Damit stoppen wir Radikalisierung nicht, sondern machen aus dem Symbol der Unterdrückung – so widersprüchlich es auch klingen mag – ein Freiheitssymbol.

Das Burkaverbot stellt trotz anderweitiger Beteuerungen der BefürworterInnen den Islam als Ganzes an den Pranger. Mit einer Annahme riskieren wir die Spaltung unserer Gesellschaft. Statt uns einseitig auf den Islam einzuschiessen, müssen wir einen religionsneutralen Umgang mit Fundamentalismus finden. Denn die Burka ist bei weitem nicht die einzige religiöse Praxis, die im Widerspruch zur Gleichberechtigung steht. Alle Religionen haben in einer fundamentalistischen Auslegung ähnlich problematische Züge. Nach einigen Irrungen und Wirrungen bin ich zum Schluss gekommen, dass das Burkaverbot zwar eine einfache, aber leider keine wirkungsvolle Antwort auf diese Herausforderungen ist.