Erlinsbach SO
Knatsch um Pfarrer: Kirchgemeinde-Präsident wirft das Handtuch

In der Reformierten Kirchgemeinde Erlinsbach SO hängt der Haussegen schief. Ein Knatsch um den reformierten Pfarrer Andy Jecklin nimmt eine unerwartete Wende: Ruedi Kyburz, Präsident des Kirchgemeinderates, schmeisst den Bettel hin.

Ueli Wild
Merken
Drucken
Teilen
Nach 30 Jahren an der Spitze der Kirchgemeinde tritt Ruedi Kyburz per sofort aus dem Kirchgemeinderat Erlinsbach SO zurück.

Nach 30 Jahren an der Spitze der Kirchgemeinde tritt Ruedi Kyburz per sofort aus dem Kirchgemeinderat Erlinsbach SO zurück.

Ueli Wild

Das Bild an der Wand im Kirchgemeindehaus Vorziel hat Ruedi Kyburz, Präsident des Kirchgemeinderates Erlinsbach SO, gemalt. Zusammen mit den andern Behördenmitgliedern. Tempi passati.

Eigentlich wollte Kyburz aus gesundheitlichen Gründen per Ende Juni als Präsident zurücktreten, dem Rat als einfaches Mitglied aber weiterhin angehören.

Doch gestern machte er Nägel mit Köpfen: Er reiche seinen sofortigen Rücktritt aus dem Kirchgemeinderat ein, schreibt Kyburz im Demissionsschreiben an Vizepräsident Werner Schlatter. «Ich stehe ab dem 16. Juni für keine einschlägigen Amtsgeschäfte mehr zur Verfügung.»

In der Reformierten Kirchgemeinde Erlinsbach SO hängt der Haussegen schief. Eine von 50 Personen besuchte Versammlung verabschiedete letzte Woche eine Resolution, die den Kirchgemeinderat Erlinsbach SO auffordert, «das anstehende Problem im Interesse der Kirche unverzüglich zu lösen» und die Anstellung von Pfarrer Andy Jecklin bis zur Neuwahl des Pfarrers zu verlängern. Andernfalls sei die Behörde aufgefordert, «die Lösung einer neuen Führung zu überlassen und sofort zurückzutreten».

Happige Sätze. Das räumt auch Ernst Moser, gewesener Präsident der früheren Einwohnergemeinde Obererlinsbach, ein. «Aber in dieser Situation stehe ich dazu.» Moser hat die Versammlung letzte Woche geleitet. Was sich in der Kirchgemeinde gebildet habe, betont er, sei «eine regelrechte Volksbewegung».

Worum geht es? – Jede der beiden Erlinsbacher Kirchgemeinden verfügt über eine mit 75 Prozent dotierte Pfarrstelle. Im Aargau ist Simone Wüthrich als Pfarrerin gewählt, derzeit aber krankgeschrieben.

Auf der Solothurner Seite wurde im August 2014 der damals frisch ordinierte Andy Jecklin, befristet auf ein Jahr, als Pfarrer angestellt.

Mitte Januar beschloss der Kirchgemeinderat einstimmig, den 39-Jährigen, der mit Frau und vier Kindern in Schönenwerd wohnt, zur Wahl vorzuschlagen. Am 16. Februar wurde dieser Beschluss in einer gemeinsamen Sitzung mit der Kirchenpflege Erlinsbach AG bestätigt.

Entscheid umgestossen

Nur: Zwei Monate später krebste der Kirchgemeinderat Erlinsbach SO zurück. Warum? Inzwischen war es, wie es in einem Brief des Kirchgemeinderats an alle Erlinsbacher Reformierten heisst, zu «Unstimmigkeiten» zwischen dem Pfarrer und einem Teil der vorgesetzten Behörde gekommen.

Am 22. April beschloss der Rat deshalb mit 3:1 Stimmen bei einer Enthaltung, nun doch ein ordentliches Verfahren mit Einsetzung einer Pfarrwahlkommission und öffentlicher Ausschreibung der Pfarramtsstelle durchzuführen.

Dadurch fühlten sich die Ratsminderheit und die Kirchenpflege Erlinsbach AG vor den Kopf gestossen. Aus Sicht der unterlegenen Kirchgemeinderätin Käthy Schüttel wurde mit dem Beschluss geltendes Recht verletzt. Sie und ihre Amtskollegin Margrit Maier haben daher via Synodalrat beim Volkswirtschaftsdepartement Beschwerde erhoben. Diese ist derzeit beim Amt für Gemeinden hängig.

Pflichtvernachlässigung?

Mitte Mai bat der Kirchgemeinderat Erlinsbach SO den Synodalrat als zuständige Disziplinarbehörde «um Prüfung und Beurteilung der Pflichtvernachlässigung von Pfarrer Andy Jecklin».

Worin diese bestanden haben soll, kann oder will niemand so richtig ausdeutschen. Pfarrer Jecklin spricht von einer perfiden Formulierung, von einem «Spiel mit verdeckten Karten».

Man erwecke den Eindruck, er habe «Dreck am Stecken». Aber welchen denn? Jecklin sagt, er wisse es auch nicht. Aber er fühle sich systematisch gemobbt. Ruedi Kyburz, der auf sein Demissionsschreiben verweist, und Kirchgemeinderat Wolfgang Akermann räumen ein, dass es nicht um schwerwiegende Fehler des Pfarrers gehe.

Damit deckt sich auch die erste Einschätzung des Synodalrates. Allerdings, sagt Synodalrat Werner Berger auf Anfrage, müsse das morgige Gespräch zwischen ihm, Synodalratspräsidentin Verena Enzler und Dekan Michael Schoger mit Pfarrer Jecklin abgewartet werden.

Unter Umständen, so Berger weiter, gehe es in diesem Fall einfach um ein zwischenmenschliches Problem. Andy Jecklin spricht von einer völlig verhärteten Situation in der Gemeinde und zwischen den Räten. Für eine friedliche Lösung, so Ruedi Kyburz gestern, sei er bereit, mit seinem Rücktritt ein persönliches Opfer zu bringen.

«Wir werden am 25. Juni das Kirchgemeindehaus Vorziel mit 100 Personen stürmen», verspricht Ernst Moser von der «Volksbewegung». Auf der Traktandenliste für die Kirchgemeindeversammlung figuriert zwar ein Geschäft «Wahlen».

Zu beschliessen gibt es aber nichts. Vorgesehen ist eine Information zum weiteren Vorgehen. Vorgängig, am nächsten Montag, findet eine Kirchgemeinderatssitzung statt.

Ruedi Kyburz gab gestern bekannt, Vizepräsident Werner Schlatter werde dannzumal beantragen, dass das Ende Juli auslaufende Arbeitsverhältnis mit Andy Jecklin um drei Monate verlängert werde. Sodann werde es zu einem ordentlichen Pfarrwahlverfahren mit einer fünfköpfigen Pfarrwahlkommission kommen. Jecklin, der durchaus seine Qualitäten habe, müsse sich dann eben bewerben.

So wie der Bündner gestern tönte, will er das tun. Schliesslich sei die Gemeinde mit seiner Arbeit und jener seiner Aargauer Kollegin zufrieden.

Präsident: Bittere Worte zum Rücktritt

Im Demissionsschreiben listet Kirchgemeinderatspräsident Ruedi Kyburz die Gründe auf, die ihn zum Rücktritt bewogen haben. Von gesundheitlichen Gründen ist zwar immer noch die Rede, doch im Zentrum des Schreibens stehen bittere Worte, ja harte Vorwürfe. Namen werden keine genannt, aber man kann sich an den Fingern einer Hand abzählen, wer gemeint ist: Pfarrer Andy Jecklin und verschiedene Mitglieder des Kirchgemeinderats Erlinsbach SO sowie der Kirchenpflege Erlinsbach AG.

Kyburz schreibt, er sei nicht mehr bereit, mit Angestellten zusammenzuarbeiten, «die Unwahrheiten verbreiten, Ratsmitglieder verleumden und üble Nachreden gegen diese billigend in Kauf nehmen». Auch mache es ihm Mühe, «mit Ratsmitgliedern beider Gemeinden zu beraten, die einerseits keinerlei Anstand im Umgang mit Sachgeschäften zeigen, andererseits Gemeindemitglieder aufhetzen, indem sie unsachlich, unwahr und einseitig informieren und sich ohne Skrupel über Amtspflichten und Amtsgeheimnisse hinwegsetzen und sich nicht scheuen, die Familien der Amtsträger zu verunglimpfen.»

Ein weiterer Vorwurf, den Kyburz den betreffenden Ratsmitgliedern beider Gemeinden macht, ist der, dass sie sich der Teilnahme «an gemeinsamen Sitzungen, die der Klärung dienen würden», verweigert hätten. (uw)