Die letzten 300 Meter seiner 17 000 km langen Reise musste er doppelt zurücklegen. Weil Guido Huwiler auch mit 55 Jahren noch immer ein ambitionierter «Gümmeler» ist, packte ihn im herausfordernden finalen Aufstieg zur Skiakrobatik-Anlage der Ehrgeiz. Mit der Konsequenz, dass er schlicht schneller da war als die Kameras des Schweizer Fernsehens bereit.

Zumindest einer war parat für das Wiedersehen. Sohn Mischa Gasser stand vor dem Eingang des Hotels unmittelbar bei der Schanze, als sein Vater zusammen mit seiner Lebenspartnerin die imaginäre Ziellinie überquerten. Allzu emotional ging das familiäre Treffen nicht über die Bühne. Das mag daran liegen, dass Mischa Gasser von Natur aus ein zurückhaltender und reflektierender Mensch ist und nach einer vor Wochenfrist bei einem Sturz im Training erlittenen Hirnerschütterung zusätzlich ruhig wirkt.

Aber wohl auch, weil die Familienverhältnisse «speziell» sind, wie Mischa Gasser es ausdrückt. «Wir waren nie eine klassische Familie und ich hatte auch nie diese innige Beziehung zum Vater. Es ist nicht immer einfach gewesen», sagt der Solothurner. Aber er freue sich, den Vater nach einem Jahr wieder zu sehen. «Es ist sicher ein spezieller Moment, unser Verhältnis ist durchaus gut.» Bei seinem ersten Olympia-Auftritt am Samstag wird Mischas Mutter ebenfalls im Publikum die Daumen drücken. Wenn der Sohn denn starten kann. Am Montag trainierte er überhaupt erstmals seit der Hirnerschütterung auf der Schanze.

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Eine philosophische Ader

Auch Guido Huwiler überlegt lange, als wir fragen, was ihm die Zusammenkunft mit dem Sohn bedeute. Es sei ihm ganz einfach wichtig. «Es ist ein Moment, den wir zusammen haben. Ich war zuvor noch nie an einem Wettkampf von ihm.» Der in Olten wohnhafte – oder soll man sagen – angemeldete Huwiler, der zuvor im Aargau lebte, betont, dass dies hier aber «Mischas Geschichte» ist. Er bewundere an seinem Sohn, dass er seine Träume auslebe. «Das ist für uns Menschen elementar, denn wir leben in einer Welt, die in Belanglosigkeit versinkt.»

Guido Huwiler ist nicht erst auf der Velotour durch die halbe Welt zum Philosophen gediehen. Er sei schon immer ein Mensch gewesen, der alles hinterfragt habe. Dies Eigenschaft liess in ihm auch den Entschluss reifen, den Job zu künden und die Welt per Drahtesel zu erkunden. Alles sei ihm über den Kopf gewachsen, er habe nachts Dinge geträumt, die nicht normal seien. Der Startschuss zur Reise war eine Befreiung. Selbst dass ihm die chinesischen Behörden die Einreise und damit das geplante Zwischenziel Peking verweigerten, störte ihn nicht. «So etwas passiert nicht, weil China Grenzen hat, sondern wir Menschen. Wir lassen ja auch nicht jeden in unser Land. Es ist deshalb beruhigend, dass auch der rote Schweizer Pass nicht alle Türen öffnet.»

Aarau – Pyeongchang, die Bilder: