Aarau
Fussballfan über Frauennati: «Dafür hätte ich mehr als einen Fünfliber gezahlt»

Wenn Frauen Fussball spielen, interessiert das keinen? Falsch gedacht – ein Erfahrungsbericht aus dem Brügglifeld, wo gestern die Schweiz auf Dänemark traf, und wo Schwalben und Herumgewälze am Boden nicht vorkam.

Katja Schlegel
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Bei solchen Einsätzen schlagen Schweizer Fanherzen höher, auch wenn Frauen am Ball sind: In Grün diedänische Goalie-Frau Sina Lykke Petersen, mit der Nummer 13 Ana Maria Crnogorcevic.

Bei solchen Einsätzen schlagen Schweizer Fanherzen höher, auch wenn Frauen am Ball sind: In Grün diedänische Goalie-Frau Sina Lykke Petersen, mit der Nummer 13 Ana Maria Crnogorcevic.

Keystone

Spielt die Schweizer Nationalmannschaft, ist der Fanatismus für den eigenen Club vergessen. Da ist es wurscht, ob der Torschütze gebürtiger Schweizer ist oder nicht, da sind wir alle Schweizer, da hocken wir vereint im Stadion oder vor dem Fernseher, da haben wir ein Goal geschossen, wir haben gewonnen. Spielt die Nati, leidet, hofft und jubelt selbst der Fussballmuffel.

Und jetzt spielt die Schweizer Fussballnati im Aarauer Brügglifeld gegen Dänemark. Ein Team, das so erfolgreich ist wie noch nie zuvor und auf dem besten Weg dazu ist, Geschichte zu schreiben.

In den letzten fünf Spielen ging es als Sieger vom Platz, vor fünf Tagen gar mit dem sagenhaften Schlussstand von 11:0 gegen Malta. Sackstark sind sie, die Spielerinnen der Frauen-Nati. «Ach so», sagen Passanten in der Stadt, «Frauenfussball.»

Bei den Männern tönt das spöttisch, bei den Frauen entschuldigend. Mit Fussball hole man sie halt per se nicht hinter dem Ofen hervor, sagt eine, aber sie finde es super, dass auch die Frauen so erfolgreich Fussball spielen. «Dass sie so wenig Beachtung bekommen, ist schon ungerecht.»

«Ich wünsche mir, dass das Brügglifeld voll ist. Aber wahrscheinlich ist das nicht der Fall», hatte Trainerin Martina Voss-Tecklenburg an der Pressekonferenz vor dem Match gesagt.

Ob sie recht behält? Eine Stunde vor Anpfiff jedenfalls herrscht vor dem Stadion gähnende Leere. Der Erste in Rot-Weiss ist einer im Velodress, der über den Lenker geduckt Richtung Suhr pedalt. Die Frau im Kassenhäuschen stellt sich auch auf einen ruhigen Abend ein.

Es sei ein anderes Publikum als sonst, ein unaufgeregtes. «Wenn die Frauen spielen, herrscht eine familiäre Stimmung, nicht eine so emotional aufgeladene.» Interessiert Frauenfussball wirklich keinen, selbst wenn es um die WM-Qualifikation geht?

Eine halbe Stunde vor Anpfiff herrscht zumindest vor dem Grillstand ein Gedränge. Er schaue ab und zu Frauenfussball, sagt ein Herr, der in der Schlange steht. Bei dem Wetter sowieso. Was hält er denn davon, dass Frauenfussball meist belächelt wird? Er könne das nicht verstehen.

«Die Frauen spielen einen sehr schönen Fussball, weniger ruppig als die Männer. Und sie sind längst nicht so wehleidig.» Dass er für den Stehplatz nur einen Fünfliber habe bezahlen müssen, habe ihn überrascht. «Dafür hätte ich auch mehr bezahlt, schliesslich kostet ein Stehplatz für einen Aarau-Match auch 27 Franken.»

Und dann sind sie plötzlich da, die Fans. Mehr als gedacht, mit Kindern und Fahnen, mit Kuhglocken und Pauken. «Wir müssen mit unserer Leistung die Aufmerksamkeit gewinnen. Wenn wir Resultate bringen, kommen auch die Leute», hatte Captain Caroline Abbé am Vorabend noch gesagt.

Das 11:0 gegen Malta zeigt also Wirkung. Auf der Tribüne gibt es kaum noch freie Plätze. In der Pause werden am Grillstand Poulet-Spiesse und Pommes ausgehen.

In der obersten Reihe auf der Tribüne sitzen die Mädchen der Grasshoppers. Die Frauen auf dem Platz seien natürlich ihre grossen Vorbilder, sagen sie, und filmen jede brenzlige Situation mit ihren Handys. In der 19. Minute wird es ein erstes Mal richtig laut, ein Pfostenschuss.

Da merkt man keinen Unterschied mehr zu einem Herrenmatch: «Hopp Schwiiz», brüllt das Publikum, die Leute klatschen und johlen, peitschen damit die Spielerinnen über das Feld, dass die Rossschwänze nur so fliegen. Ganz zu schweigen vom Lärm, der beim Penalty losbricht, der die Däninnen beim Nachlegen in Führung bringt, und dem Jubel in der 64. Minute, als die Schweizerinnen ebenfalls mit einem Penalty nachziehen.

Da wird lauthals geklönt, wenn ein Pass mal wieder zu ungenau war und der Gegner zu schnell, und auch der Schiri bekommt manch böses Wort zu hören, Frau hin oder her. Einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied gibt es dann doch: Die Schwalben fehlen und wer umgenietet wird, wälzt sich nicht auf dem Boden, sondern beisst auf die Zähne und rappelt sich auf. Von wegen Mädchen.

Die Partie endet 1:1. «Ein gutes Resultat, ein schönes, schnelles Spiel», sagt ein älterer Herr, der extra aus Lörrach angereist ist, weil er Frauenfussball so viel lieber mag. Er gehe sehr zufrieden heim. Die Anzahl Zuschauer im Brügglifeld lag übrigens bei 1902 – just das Gründungsjahr des FC Aarau.