Für die einen bedeuten sie Krieg, für andere sind sie Sport und Hobby. Sie stehen für Freiheit und gleichzeitig für Vernichtung. Sie prägen den Welthandel und zirkulieren auf dem Schwarzmarkt. Kaum ein Objekt ist so vielschichtig und kontrovers besetzt wie die Schusswaffe. Die Ausstellung «Im Visier – die Schusswaffe in Kunst und Design» im Forum Schlossplatz in Aarau zeigt, wie stark wir von ihr umgeben sind. Ob in Medien, Filmen oder Videospielen: Schusswaffen sind omnipräsent.

Die Ausstellung führt einen durch sechs thematische Räume, die Namen aus der Waffenterminologie tragen. Man beginnt am Anfang, in der Kindheit, wo die erste Begegnung mit Waffen stattfindet: Der Raum «Übungsgelände» ist dem kindlichen Umgang mit Spielzeugwaffen gewidmet und lässt einen in Erinnerungen an die eigene Kindheit schwelgen. Das Home-Movie «The Fabulous Adventures of Mosquito Sam» des Genfer Künstlers Lucas Olivet zeigt ihn und ein paar Freunde, wie sie ein Western-Abenteuer mit Holzpistolen, Trickfilm-Ästhetik und Comic-Soundeffekten inszenieren.

Kollisionspunkt Mensch

Im nächsten Raum, «Ballistik und Impact», ist auf Brusthöhe ein Block aus gallertartiger Masse ausgestellt. Dieses spezielle Material dient aufgrund seiner Ähnlichkeit mit menschlichem Gewebe in der Forensik zur Untersuchung von Schussverletzungen. Hier wurde er aber zur Symbolisierung des Ost-West-Konflikts während des Kalten Kriegs verwendet: Das vietnamesische Kollektiv The Propeller Group hat eine sowjetische Kalaschnikow und eine US-amerikanische M16 gleichzeitig ins Innere des Gelatineblocks abgefeuert, sodass die beiden Kugeln aufeinanderprallen. Die an mehreren Stellen explodierende Schussbahn besticht mit bizarrer Schönheit.

Einen Raum weiter gerät man in «Produktion und Klassifikation» an eine Fotoserie von US-amerikanischen Waffenbesitzern und -besitzerinnen, denen Kyle Cassidy für sein Projekt die Frage stellte «Warum haben Sie eine Waffe?». Die Porträts und die dazugehörigen Interviews zeigen auf, wie unterschiedlich die Menschen sind, die vom Recht auf Waffenbesitz in den USA Gebrauch machen. Ähnlich sind nur die Gründe dafür: Vielen der Porträtierten geben an, dass es ihnen um die Möglichkeit geht, sich selbst verteidigen zu können. Dass sie sich mit diesen Aussagen einer wissenschaftlich belegten Illusion hingeben, steht woanders geschrieben.

Weiter geht es im Raum «Frauen-Fire-Power» mit Sylvie Fleuries Videoinstallation, in der eine Frauen-Motorradgang auf Chanel-Handtaschen schiesst, einem Föhn in Revolverdesign derselben Künstlerin und einer Reinszenierung von Niki de Saint Phalles Serie «tirs», bei der sie Anfang der 1960er-Jahre auf Bilder mit farbgefüllten Ballonen schoss. Die deutsche Künstlerin Cornelia Sollfrank hat sich dafür das Schiessen erst beibringen müssen. Ihr «Schiesstagebuch», in dem sie diesen Prozess dokumentiert hat, liegt auf.

Die Krönung der Ausstellung bilden die übermannshohen, schmerzhaft realistischen Zeichnungen zweier Smith & Wesson-Pistolen von Robert Longo (Bild links), mit der er die tägliche Waffengewalt in den USA thematisiert. Sie befinden sich im Raum «Waffenstücke».

Virtuelle Games für Soldaten

Zum Abschluss begibt man sich in den Raum «Planspiele», wo ein essayistischer Kunstfilm des deutschen Künstlers und Filmemachers Harun Farocki über die Verwendung von virtueller Realität in der modernen Kriegsführung gezeigt wird. Zur Vorbereitung auf ihren Einsatz in Afghanistan oder Irak spielen die jungen US-Marinesoldaten eine Art Videospiel. Nach ihrem Einsatz in den Kriegsgebieten werden sie durch computergestützte Simulationen an die traumatischen Erlebnisse herangeführt. Farocki hat festgestellt, dass die beiden verwendeten Simulationsprogramme beinahe dieselben sind: Nur die Qualität ist bei den Therapieprogrammen schlechter.

«Im Visier – Die Schusswaffe in Kunst und Design» basiert auf der Ausstellung «ligne de mire» des Museums für zeitgenössisches Design und angewandte Kunst in Lausanne. Im Vorfeld der Abstimmung vom 19. Mai wird hierzulande gerade angeregt über die Verschärfung des Waffenrechts diskutiert – eine gute Gelegenheit, sich über die eigene Haltung zum Thema Schusswaffen Gedanken zu machen. Die Ausstellung im Forum Schlossplatz Aarau, die diesen Freitag, 1. März, eröffnet wird, bietet mit zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten aus aller Welt einen facettenreichen Anstoss dazu.

Im Visier Forum Schlossplatz, Aarau. Bis 26. Mai. Vernissage: Fr, 1. März, 18.30 Uhr.