Prozess in Aarau

Crash auf Aarauer Kreuzplatz: Kosovare wird des Landes verwiesen

Aarau: Flucht vor Polizeikontrolle endet in einem Unfall

Flucht vor Polizeikontrolle endet mit Crash auf Aarauer Bahnhofstrasse: So berichtet TeleM1 im Juli 2019.

Ein besoffener Kosovare (30) bekommt die Härte des Bezirksgerichts zu spüren und erhält einen Landesverweis. Dabei hatte die Staatsanwaltschaft dies nicht gefordert. Die Begründung des Gerichts zeigt: Das Urteil hat auch mit der Frau des Kosovaren zu tun.

Ein Ersttäter sei Blerim (Name geändert) nun einmal nicht, stellte Gerichtspräsident Andreas Schöb in der mündlichen Begründung des Urteils fest. Zu delinquieren begonnen habe der Kosovare, der vor 20 Jahren als Zehnjähriger in die Schweiz kam, schon 2007.

Zumeist ging es um Vergehen im Strassenverkehr, Drogen und Alkohol am Steuer. Verurteilt wurde Blerim, 2010, aber auch einmal wegen Raubs. Der junge Mann, der nach einer Anlehre immer gearbeitet hat, es aber nirgends lange aushielt, wohnt in der Region südlich von Aarau, ist seit ein paar Monaten mit einer Landsfrau verheiratet und zugleich Vater eines dreieinhalbjährigen Knaben. Das weiss er aber definitiv erst seit Oktober 2018. Familie und Ehefrau erfuhren davon im Zuge des aktuellen Verfahrens.

Inner dreier Monate zum vierten Mal erwischt worden

Anlass zu diesem gab letztlich ein spektakulärer Unfall im Sommer dieses Jahres in Aarau. Die Vorgeschichte: Im Mai war Blerim bei einer Polizeikontrolle mit Alkohol am Steuer erwischt worden. Den Führerausweis war er damit los. Trotzdem wurde er Mitte Juli wieder zweimal alkoholisiert angehalten.

Als er am Abend des 25. Juli auf der Bahnhofstrasse in Aarau erneut in eine Polizeikontrolle geriet, brannten Blerim die Sicherungen durch: Da er auf das Haltesignal nicht reagierte, warf einer der Polizisten seine Stablampe gegen die Frontscheibe des Audi A5, doch auch das nützte nichts.

Die Bilder vom Unfall:

Im Gegenteil: Blerim beschleunigte das Fahrzeug, wie es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau heisst, «rasant» und fuhr, um sich der Kontrolle zu entziehen, davon in Richtung Kreuzplatz, wo er auch noch das Rotlicht missachtete.

Die Kollision mit einem den Kreuzplatz überquerenden Fahrzeug konnte Blerim dank einem Bremsmanöver noch knapp vermeiden. Der Versuch, am anderen Ende der Kreuzung einem weiteren korrekt verkehrenden, in die Rohrerstrasse abbiegenden Auto auszuweichen, misslang hingegen. Der Audi kollidierte heftig mit dem Heck des vor ihm fahrenden Personenwagens, überschlug sich und kam, wieder auf den Rädern stehend, beim Zeughaus an einer Mauer zum Stillstand.

Crash auf dem Kreuzplatz mit 1,75 Promille im Blut

Beide Fahrzeuge erlitten Totalschaden. Die zwei Insassen des andern Fahrzeugs mussten sich in ärztliche Behandlung begeben und waren einen Tag, respektive vier Tage arbeitsunfähig. Den unverletzten Unfallfahrer pflückte die Polizei aus dem demolierten Audi. Blerim hatte 1,75 Promille Alkohol im Blut.

Die seither vergangenen viereinhalb Monate verbrachte er in Untersuchungs- beziehungsweise Sicherheitshaft. Vor Gericht zeigte er sich geständig. Erklären konnte oder wollte er sein Verhalten jedoch nicht. Auf Nachfrage eines Richters räumte er immerhin ein, dass ihm der Alkohol dazu gedient habe, Probleme zu verdrängen.

Die Staatsanwaltschaft legte dem Beschuldigten eine ganze Reihe strafbarer Handlungen zur Last: Führen eines Motorfahrzeugs in qualifiziert angetrunkenem Zustand, Führen eines Motorfahrzeugs trotz Entzug des Führerausweises (er fuhr nachweislich auch mit dem Auto zur Arbeit), Entwendung eines Fahrzeugs zum Gebrauch, mehrfache fahrlässige Körperverletzung, Verletzung der Verkehrsregeln durch Nichtbeachten eines polizeilichen Haltezeichens, versuchte Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit, grobe Verletzung der Verkehrsregeln durch Nichtbeachten eines Lichtsignals.

Dafür beantragte die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift eine unbedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten und eine Busse von 400 Franken. Zudem sei der 2017 in einem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Baden gewährte bedingte Vollzug einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 130 Franken zu widerrufen.

Nicht obligatorische Landesverweisung

Da kein sogenanntes Katalogdelikt vorlag, hatte die Staatsanwaltschaft darauf verzichtet, eine Landesverweisung zu beantragen. Nachdem der Vorsitzende aber angekündigt hatte, das Gericht ziehe, obschon in diesem Fall nicht obligatorisch, eine Landesverweisung in Betracht, stellte der Staatsanwalt zusätzlich den Antrag, den einschlägig vorbestraften «gefährlichen Blaufahrer», dem ein Gutachter eine hohe Rückfallgefahr attestiere, für drei Jahre des Landes zu verweisen.

Der amtliche Verteidiger wollte es bei einer teilbedingten Gefängnisstrafe von 12 Monaten mit einer Probezeit von vier Jahren bewenden lassen. Eine Landesverweisung lehnte der Verteidiger ab mit der Begründung, Blerim sei immerhin seit 20 Jahren in der Schweiz und integriert. Zudem habe er eine Beziehung zu seinem ausserehelichen Kind aufgebaut.

Knapp an folgenschwererem Unfall vorbeigeschlittert

Das Gesamtgericht folgte in einem Punkt der Verteidigung: Es sprach den Beschuldigten frei vom Vorwurf der mehrfachen Entwendung eines Fahrzeugs zum Gebrauch. Das Auto seiner Mutter, so der Präsident, habe Blerim jederzeit benutzen dürfen. Die Mutter habe ja auch nichts vom Ausweisentzug gewusst. In allen andern Punkten sprach das Gericht Blerim schuldig.

Es bejahte, anders als der amtliche Verteidiger, auch den Tatbestand der mehrfachen fahrlässigen Körperverletzung. Der Gerichtspräsident zeigte sich in der mündlichen Begründung des Urteils auch überzeugt, dass der filmreife Unfall auf dem Kreuzplatz weit weniger glimpflich abgelaufen wäre, wenn der Audi schon ins erste Fahrzeug gekracht wäre – in dessen Seite notabene.

Wegen des Freispruchs in dem einen Anklagepunkt reduzierte das Gericht die unbedingte Gefängnisstrafe gegenüber dem Antrag der Anklage von 20 auf 18 Monate. Auf sie werden die 138 Tage Untersuchungs- und Sicherheitshaft angerechnet.

Landesverweisung für drei Jahre

Der bedingte Vollzug der 2017 in Baden verhängten Geldstrafe von 7800 Franken wird widerrufen. Dazu kommen die Verfahrenskosten und eine Busse von 200 Franken, letztere für die Missachtung des polizeilichen Haltezeichens.

Und schliesslich ordnete das Gericht eine Landesverweisung für drei Jahre an. Bei der Abwägung der Argumente, so Gerichtspräsident Schöb, habe man in Rechnung gestellt, dass Blerim noch einen Onkel im Kosovo habe, die Sprache beherrsche - und dass die Berufsaussichten seiner Ehefrau im Heimatland ohnehin eher besser sein dürften als in der Schweiz.

Auch die Beziehung zum ausserehelichen Kind sei kein Hinderungsgrund für eine Landesverweisung. Via Skype sei ein Kontakt weiterhin möglich. – Für Blerim bedeutete der Schuldspruch den nahtlosen Übergang von der Sicherheitshaft in den vorzeitigen Strafvollzug.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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