Bezirksgericht Aarau
Wegen Kindheitstrauma griff er zum Alkohol, verzichtete aber nicht auf sein Auto

Hintergrund seines Alkoholismus waren sexuelle Missbräuche, die er als Kind erlitten hatte. Nach mehreren Kollisionen, als er betrunken und trotz Ausweisentzug Auto fuhr, verlor der Mann sein Job und begab sich in eine Klinik. Nun musste er sich vor Gericht verantworten.

Daniel Vizentini
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Alkohol am Steuer: Trotz mehrfachem Whisky-Konsum griff der Beschuldigte wiederholt zu seinem Autoschlüssel und fuhr herum.

Alkohol am Steuer: Trotz mehrfachem Whisky-Konsum griff der Beschuldigte wiederholt zu seinem Autoschlüssel und fuhr herum.

Steffen Schmidt / KEYSTONE

Ein Blick auf die Auflistung seiner Straftaten und ein voreiliges Urteil ist schnell gefällt: Der Mann aus Aarau war mehrmals betrunken mit seinem Auto gefahren, kollidierte oder streifte dabei Leitplanken, Gartenmauern, Stützpfeiler oder parkierte Autos. Selbst als ihm der Führerausweis entzogen wurde, fuhr er weiter, mal mit dem Auto seiner Mutter oder mit seinem eigenen, wobei er da vorher noch die Kontrollschilder entfernte.

Zu einem Unfall, bei dem er oder andere Menschen verletzt wurden, kam es nie. Aus purem Glück, wie Gerichtspräsidentin Karin von der Weid dem Angeklagten wiederholt darlegte. Doch der Ärger bei den Betroffenen war gross, auch weil der Mann nie anhielt und Verantwortung für sein Tun übernahm, sondern immer stillschweigend davonfuhr. Der finanzielle Schaden betrug zusammengezählt um die 8000 Franken.

Doch eben: Ein erstes Urteil könnte schnell gefällt sein. Hintergrund der Taten war aber sein Alkoholismus, und Grund dafür war wiederum der sexuelle Missbrauch, den der heute über 50-jährige Mann als Kind erlitten hatte. Seit er etwa 30 Jahre alt war, habe er etwa zweimal im Jahr wiederkehrende Krisen mit Albträumen gehabt, bei denen die Vorfälle, die er als Kind erdulden musste, jeweils wiederauferlebten, erklärte er vor Gericht.

Lange konnte der Mann die darauffolgenden Panikattacken unter Kontrolle halten. In den letzten Jahren aber seien die Albträume vermehrter und intensiver vorgekommen, stoppen konnte es sie nicht mehr. Kurzfristig half nur der Griff zu hartem Alkohol – mit den verheerenden Nebenwirkungen, die ihn nun vor Gericht brachten.

«Ich war nur noch vom Alkohol gesteuert»

An die Unfälle mit dem Auto könne er sich nicht erinnern, an die darauffolgenden Besuchen der Polizei aber schon. «Ich war unzurechnungsfähig, wie ein Roboter nur noch vom Alkohol gesteuert», sagte er vor Gericht. Trotz Alkoholproblem und Ausweisentzug fuhr er weiter Auto, oft von Aarau zu Arbeitseinsätzen im Kanton Zürich. «Ich musste im Job Verantwortung tragen über 15 Angestellte. Ich musste einfach funktionieren.»

Seinen Job verlor er schliesslich wenige Monate nach den mehrfachen Unfällen mit dem Auto. Dann begab er sich in Therapie: Zuerst gegen die Alkoholsucht, dann knöpfte er sich sein Kindheitstrauma vor. «Ich ging mit der Therapie erstmals dorthin, wo es wehtut», sagte er der Richterin. Und er konnte bereits erste Ergebnisse feiern: Der Albtraum habe sich verändert, sei nun weniger bedrohlich. «Es ging mir im Leben noch nie so gut wie jetzt.» Nach achteinhalb Monaten in einer Vollzeittherapie konnte er kürzlich in eine Tagesklinik wechseln.

Will jungen Menschen Dinge geben, die er nicht bekommen hat

Wie er sich seine Zukunft vorstelle, wollte die Richterin wissen, sei er doch noch ein umgänglicher Typ. «Ich will versuchen, wieder soziale Kontakte zu pflegen. Diese waren in den letzten Jahren nicht möglich», antwortete er. Er traute sich kaum noch in Menschenmengen, sei sehr scheu und unsicher, habe Mühe, auf andere zuzugehen.

Er wolle sich auch wieder mehr als Juniorentrainer betätigen. Jungen Menschen etwas beizubringen, täte ihm gut, habe er schon bei seiner Arbeit mit Lernenden gemerkt. Das habe auch mit seiner Missbrauchserfahrung zu tun, wie er darlegte. «Es ist mir wichtig, dass ich jungen Menschen Dinge geben kann, die ich nicht bekommen habe.»

«Sie trinken nichts mehr und sitzen auch nicht mehr in ein Auto!»

Es muss schwierig sein, ein Urteil zu fällen, wenn ein Mensch zwar sicher Täter, zugleich aber auch Opfer ist. Gerichtspräsidentin Karin Von der Weid folgte eins zu eins dem Antrag der Staatsanwaltschaft und sprach den Mann, der nichts abstritt und ohne Anwalt zur Verhandlung erschien, im Sinne der Anklage schuldig.

Er erhielt ein Jahr Freiheitsstrafe bedingt mit einer Probezeit von drei Jahren, dazu muss er eine Busse von 3500 Franken zahlen, die er als «noch überschaubar» bezeichnete. Er hat auch alle Kosten, Gebühren und die durch ihn verursachten Schäden zu begleichen. «Sie trinken nichts mehr und Sie sitzen auch nicht mehr in ein Auto, das ist mir wichtig», stellte die Richterin klar.

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