Aarau
Beim Ehrgeiz unterscheiden sich die Behinderten nicht von den Gesunden

Seit 1964 rennen die Mitglieder der Behindertensportgruppe Aarau um Bestzeiten – manche sogar, ohne die Ziellinie zu sehen.

Katja Schlegel
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Ehrensache ist die Teilnahme am eidgenössischen Sporttag in Magglingen. Ho

Ehrensache ist die Teilnahme am eidgenössischen Sporttag in Magglingen. Ho

Wie ein Wettlauf funktioniert, ist klar. Auf «Achtung, fertig, los» gehts los, schnurgerade auf die Ziellinie zu, so schnell, wie einen die Beine tragen. Doch so funktioniert ein Wettlauf nicht immer. Bei Behindertensporttagen sitzen manche Teilnehmer im Rollstuhl, gehen an Krücken oder gar am Rollator. Und manche sind blind. Man stelle sich das Durcheinander vor, würden in dieser Kategorie alle Wettkämpfer gemeinsam auf das – für einige unsichtbare – Ziel losrennen.

«Das würde nicht funktionieren», sagt Jolanda Mathys und lacht. Bei den blinden Sportlern laufe jeder einzeln und im Ziel stehe jemand, der laut schreit und den Läufer so in die richtige Richtung lotst. Trotzdem, lustig gehe es an diesen Wettkämpfen allemal zu und her. Lustig, aber mit gehörig Ehrgeiz, mit tobendem Publikum, mit Freudentaumel und Frust, mit Tränen der Enttäuschung, wie bei allen anderen Sportlern auch. «Beim Ehrgeiz unterscheiden sich die Behinderten nicht von den Gesunden», sagt Präsidentin Mathys. Die Sporttage sind deshalb die Highlights im Vereinsjahr, und das schon seit 50 Jahren. Denn schon so lange gibt es die Behindertensportgruppe Aarau, kurz BSA.

Damals ging das ratzfatz: Ende März 1964 traf man sich zur Gründungsversammlung im Restaurant Frohsinn hinter dem Aarauer Bahnhof, am 1. Mai zur ersten Turnstunde in der Zelgli-Turnhalle. Mit Gymnastik sollten Beweglichkeit und Kraft gefördert werden. Die Nachfrage war von Beginn weg da, schon am ersten Abend kamen 16 Personen mit einer körperlichen Behinderung. «Sportangebote für Behinderte gab es damals in der Region nicht», sagt Kassier Lorenz Caroli aus Holderbank, seit 25 Jahren im Verein. «Viele sassen abgeschottet daheim und trauten sich kaum aus dem Haus.»

Nicht, weil sie sich verstecken mussten, sondern hauptsächlich, weil es kaum möglich war, sich mit einem Rollstuhl oder einer Gehhilfe problemlos in der Öffentlichkeit zu bewegen. «Damals war barrierefreies Bauen nicht an der Tagesordnung», sagt Caroli. Die soziale Bedeutung der Sportgruppe sei für die Behinderten enorm gewesen.

Heute turnen nicht mehr nur körperlich, sondern auch geistig behinderte Menschen in Aarau und Küttigen. Das Angebot wurde ausgebaut, nebst Turnstunden wird auch Schwimmen im Hallenbad in Aarau und in Oberentfelden angeboten. Inzwischen liegt die Mitgliederzahl bei 88 Aktiven. «Zwischenzeitlich lag sie sogar bei knapp 100», sagt Mathys, seit März Präsidentin der BSA. «Früher organisierten wir noch Skilager und Ausflüge, das überlassen wir heute den anderen.» Dank dem mittlerweile grossen Angebot von Institutionen und Vereinen kann man sich in der BSA wieder ganz auf das «Kerngeschäft» konzentrieren.

Nicht ganz einfach ist die Suche nach Freiwilligen, insbesondere für die Schwimmgruppen. Wer leiten oder assistieren will, muss sich vom Dachverband Behindertensport «PluSport» entsprechend ausbilden lassen. «Die Verantwortung für die Arbeit mit Behinderten ist gross, gerade im Wasser», sagt Mathys. Und so hänge das ganze Glück auch bei der BSA an wenigen Leuten, sagt sie, allen voran der technischen Leiterin Doris Schäfer, die seit vielen Jahren die Leitungspersonen führt und die ganzen Turnstunden organisiert.

Und warum setzen sie beide sich für die BSA ein? Mathys sagt, sie geniesse die Arbeit. Als Gränicherin ist sie ein Vereinsmeier durch und durch, war mehrere Jahre in diversen Funktionen im Gränichen STV und beim Aargauer Turnverband tätig. Irgendwann hatte sie aber genug von der Vorstandsarbeit und hörte auf – bis sie von der Behindertensportgruppe Aarau angefragt wurde.

«Ich wollte mich für etwas engagieren, wo meine Arbeit richtig geschätzt wird», sagt sie. Nicht, dass die Mitglieder in den anderen Vereinen undankbar gewesen wären. «Aber Behinderte bringen einem eine unglaubliche Dankbarkeit entgegen. Die Selbstverständlichkeit ist eine ganz andere.» Da sage man nicht Danke mit einem Händedruck, da gebe es eine herzliche Umarmung. «Das ist ein schönes Gefühl.»