Aarau
Seit 500 Jahren dienen diese Säle im Aarauer Rathaus dem gleichen Zweck

Die Stadt hat ihren beiden historisch wertvollen Ratssälen eine Broschüre gewidmet. Darin geht es um viel Holz, Fabelwesen, Rettungsversuche - und guten Geschmack.

Katja Schlegel
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Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker (rechts) und Stadtarchivar Raoul Richner präsentieren die Publikation «Die spätgotischen Säle des Aarauer Rathauses von 1515/1520».

Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker (rechts) und Stadtarchivar Raoul Richner präsentieren die Publikation «Die spätgotischen Säle des Aarauer Rathauses von 1515/1520».

Chris Iseli

Wenn der Aarauer Stadtrat tagt, tut er das umgeben von einem Schatz. Einem Schatz aus Holz, aus Täfer und filigransten Schnitzereien, versetzt mit Einhörnern, Totenköpfen oder Blumengirlanden. Aarau hat mit seinen beiden spätgotischen Sälen im Rathaus zwei der wenigen spätmittelalterlichen Ratssäle der Schweiz. Noch seltener ist die reichhaltige Schnitzerei.

Ein Schatz, den die breite Bevölkerung kaum je zu sehen bekommt. Und einer, der nun just 500 Jahre alt ist: Im Stadtratssaal, unter einer Supraporte mit Aarauer Adler ist der Hinweis eingeschnitzt: «Als man zahl von der Geburt Christi 1520.» Aus diesem Anlass haben die Ortsbürger eine Broschüre mit dem Titel «Die spätgotischen Säle des Aarauer Rathauses von 1519/1520» herausgegeben. Am Dienstag wurde die Broschüre vorgestellt.

Nie wurde so viel Wissen über die Säle gesammelt, wie jetzt

Die Broschüre vereint alles, was man bis dato über die beiden Säle weiss; noch nie wurde so umfassend gesammelt und betrachtet: die Geschichte vom Turm Rore, die verschiedenen Umbauten und Restaurierungsarbeiten, die Geschichte von verschwundenen Medaillons und dem ins Schlössli geretteten Täfer, ausführliche Beschreibungen; all das haben Stadtarchivar Raul Richner und Kunsthistorikerin Dominique Sigg zusammengetragen. Fotografisch dokumentiert wurden die Säle durch Brigitt Lattmann.

Impressionen aus dem Stadtratssaal, dem oberen Ratssaal. Diese Reliefschnitzerei ähnelt stark einer Darstellung von Hans Holbein dem Jüngeren, zu finden in einem Luzerner Haus. Das lässt den Schluss zu, dass es sich beim Aarauer Künstler um Jörg Wild handelt. Wild war in Luzern ansässig.
6 Bilder
Der Aarauer Adler in einem der Deckenmedaillons im oberen Ratssaal.
Eines der Deckenmedaillons im unteren Ratssaal.
Ein Janusgesicht im oberen Ratssaal.
Ein Deckenmedaillon im oberen Ratssaal. Zwischenzeitlich waren die Darstellungen bunt bemalt. Heute sind nur wenige Teile rot gefärbt.
Die Eingangstür zum oberen Ratssaal mit Supraporte und Deckenmedaillon.

Impressionen aus dem Stadtratssaal, dem oberen Ratssaal. Diese Reliefschnitzerei ähnelt stark einer Darstellung von Hans Holbein dem Jüngeren, zu finden in einem Luzerner Haus. Das lässt den Schluss zu, dass es sich beim Aarauer Künstler um Jörg Wild handelt. Wild war in Luzern ansässig.

Chris Iseli / AAR

Eine Suche, die zwischenzeitlich ganz schön ernüchternd sein konnte, wie Richner sagt. Denn gerade zur Entstehung der beiden Säle zwischen 1515 und 1520 ist die Quellenlage sehr dünn, es gibt keinen Ratsbeschluss, kein Protokoll. So ist bis heute nicht bekannt, wer für die Schnitzereien verantwortlich ist. «Wir haben nur Indizien», sagt Richner. Und die führen zu Jörg Wild aus Luzern, aufgrund von gewissen übernommenen Darstellungen oder Jahreszahlen.

Noch ist die Hoffnung auf Klärung aber nicht verloren: Es ist gut möglich, dass sich auf der Rückseite der eingefassten Medaillons Hinweise auf den Urheber verstecken. Das würde sich bei einer nächsten Restaurierung klären. «Oder vielleicht findet irgendwann jemand in einem Archiv das Zettelchen mit dem entscheidenden Hinweis», so Richner.

Von der rechtsfreien Insel zum Aarauer Rathaus

Als die Stadt 1515 den Turm Rore samt Anbaute kaufte, sicherte sie sich ein einzigartiges Gebilde: eine rechts- und steuerfreie Insel mitten in der Stadt. Der Turm, erstmals erwähnt 1337, galt als Zufluchtsort; wer sich hier aufhielt, konnte nicht verhaftet werden. Ausserdem bekamen die Besitzer den Zehnt aus Hunzenschwil sowie Zinsen von Bauern aus Aarau, Buchs, Suhr, Entfelden, Kulm und Schinznach. Dieser Status und diese Privilegien passten dem städtischen Rat überhaupt nicht, aber tun konnten die Räte nichts. Als die Stadt den Turm kaufte, wurde der Status als rechtsfreie Insel annulliert. Nicht so aber die Zinserträge, die liessen die Aarauer noch bis 1798 fliessen. Bereits mit dem Kauf wurde aus dem Turm ein öffentliches Gebäude, Räte und Kanzlei siedelten um. Weil der Turm zu eng war, wurde er nur als Archiv, Rumpelkammer und Gefängnis genutzt. Die Räumlichkeiten für die Sitzungen der städtischen Räte richtete man im neuen Anbau des Turmes ein. 1520 wurden die beiden «Stuben» eingeweiht.

Als das Täfer hellblau gestrichen war

Klar ist hingegen heute aber, dass das Täfer in den beiden Sälen zwischenzeitlich in «heiterblau» gestrichen war, also hellblau. Und sicher ist weiter, dass es die Fassadenbemalung mit dem Jüngsten Gericht, die 1697 auf ganzer Gebäudehöhe auf­gemalt worden sein soll – so schreibt es unter anderem Stadtchronist Paul Ehrismann – nicht gab.

Zwar gab es die Darstellung mit Himmel und Hölle, aber kleinformatig über dem Türsturz der oberen Stube, dem heutigen Stadtratssaal. Gute 150 Jahre später, anno musste dieses Gemälde übrigens weichen, es sei doch veraltet und «in allzu greller Zeichnung», befand die Baukommission. Geschmäcker ändern sich.

Ein Umstand, der auch bei Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker Eindruck hinterlassen hat: «Der Abschnitt über die über die Rathausumbauten zeigt, wie rabiat man zum Teil mit historischer Bausubstanz umgegangen ist, wie man sie unbekümmert Wind und Wetter überlassen hat.» Gleichzeitig zeige es aber auch, wie wichtig die zeitgemässe Interpretation von historischen Räumen sei.

Hinweis

Die Broschüre kann kostenlos kostenlos im Stadtbüro und bei aarau info abgeholt werden. Ab 1. März ist sie auch im Stadtmuseum erhältlich.