Bezirksgericht Aarau
Junkie muss wegen mehreren Beschaffungsdiebstählen ins Gefängnis und wird des Landes verwiesen

Das Gericht hat einen 35-jährigen, drogenabhängigen Nordmazedonier und seine psychisch kranke italienische Kollegin wegen einer langen Liste kleiner Delikte verurteilt. Sie war zuvor Therapeutin in einer Suchtklinik, ehe sie selbst Drogen zu nehmen begann.

Michael Küng
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Der verurteilte Mann hat durch die vielen Diebstähle vor allem seine Sucht nach Heroin und anderen Drogen finanziert.

Der verurteilte Mann hat durch die vielen Diebstähle vor allem seine Sucht nach Heroin und anderen Drogen finanziert.

Bild: Felix Zahn/dpa

Es war bereits der zweite Anlauf des Aarauer Bezirksgerichts, nachdem zum ersten Gerichtstermin keiner der beiden Angeklagten erschienen ist. Dabei umfasst allein die Anklageschrift für den angeklagten Nordmazedonier 13 Seiten, diejenige für seine italienische Kollegin deren fünf. Vor Gericht standen die beiden unter anderem, weil sie gemeinsam in verschiedenen Läden Waren mitgehen liessen.

Etwa in einer Drogerie in Unterentfelden, wo eine Überwachungskamera festhielt, wie der 35-Jährige ein Parfum und zwei Crèmes für insgesamt 369 Franken in seinem Rucksack verschwinden liess. Die Liste der einzelnen Delikte und der betroffenen Geschäfte ist lang, in Aarau, Baden, Entfelden, Olten und weiteren Orten der Region waren sie unterwegs, mal allein, mal zu zweit. Bei mehreren grossen Detaillisten hatten sie ein schweizweites Hausverbot, weshalb oft Hausfriedensbruch zu den Anklagepunkten dazu kommt.

Das Bezirksgericht Aarau, Schauplatz der Verhandlung.

Das Bezirksgericht Aarau, Schauplatz der Verhandlung.

Bild: Severin Bigler
(19. Februar 2020)

Er nimmt nun kein Heroin mehr

Zuerst Marihuana, dann Alkohol, Kokain und schliesslich Heroin, so verlief sein sozialer Absturz, der im Alter von 16 Jahren begonnen habe. Jetzt sei er auf gutem Weg, er nehme keine Drogen mehr und meint damit offenbar einzig Heroin. Denn die Zeit als Heroin-Konsument sei die schlimmste gewesen – wobei: Wenn es ihm jemand anbiete, dann würde er es schon noch ab und zu konsumieren.

Dass im Leben des Angeklagten offenbar kaum ein Stein auf dem anderen steht, zeigt auch eine Anzeige der SBB: In nur sechs Wochen wurde er elfmal beim Schwarzfahren erwischt, einmal am selben Tag zweifach. Unter den Klägern sind ausserdem ein Aarauer Stadtpolizist und je ein Kantonspolizist aus dem Aargau und aus dem Kanton Obwalden wegen Beschimpfungen, Drohungen, Hinderung einer Amtshandlung.

Desinteressiert und überfordert, verlässt er noch vor dem Verdikt den Saal

Im Gerichtssaal präsentiert sich der 35-Jährige mit der Nonchalance eines Pubertierenden: desinteressiert, in lässigen Klamotten. Er scheint überfordert, missversteht viele Fragen des Gerichts. Hat Mühe, der Verhandlung zu folgen. Sein Verteidiger tut einem schon fast etwas leid, als dieser mit seinem Schlussplädoyer noch versucht, zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Der Klient würdigt die Bemühungen seines Verteidigers mit theatralischem Gähnen.

Auf die Urteilsverkündung mag er nicht warten, lässt sich das Urteil vom Gericht lieber am Folgetag mitteilen: Auf einen Freispruch wegen mangelnder Beweise folgt eine lange Liste von Verurteilungen. Das Verdikt lautet auf neun Monate Gefängnis unbedingt, eine niedrige Geldstrafe, eine Busse, ein Schadenersatz und drei Jahre Landesverweis. Dazukommen könnten noch weitere finanzielle Forderungen, die auf den Zivilweg verwiesen worden sind.

Freigesprochen wurde er für den Diebstahl eines Handys, das er einem Passanten beim Bahnhof Aarau weggenommen und ein paar Stunden später wieder zurückgegeben hatte. Die Staatsanwaltschaft plädierte darauf, dass er es habe stehlen wollen und kalte Füsse gekriegt hat. Der Angeklagte sagte aus, er habe nie vorgehabt, das Handy zu behalten. Weil ihm eine Absicht zum Diebstahl nicht nachgewiesen werden kann, endete dieser Anklagepunkt in einem Freispruch.

Die Mitangeklagte war einst Therapeutin in einer Suchtklinik

Etwas anders gestaltet sich die Lage seiner Komplizin: Die 40-Jährige erscheint eine Stunde zu spät zur Verhandlung, macht einen zerstreuten Eindruck, redet viel und schnell. Es fällt dem Gericht bisweilen schwer, eine Lücke in ihrem Redefluss zu finden.

Bis Ende 2013 arbeitete sie als Beschäftigungstherapeutin in einer Suchtklinik. Dann rutschte sie selber in die Drogen ab, fing sich schliesslich wieder, indem sie sich 2019 selbst in Königsfelden einlieferte. Mittlerweile wurden bei ihr depressive Störungen und Borderline diagnostiziert, die IV hat sie als arbeitsunfähig aufgenommen. Ab diesem Monat bekommt sie eine volle Rente ausbezahlt, von der sie allerdings noch ihren vorausgegangenen Sozialhilfebezug wird abstottern müssen.

In ihren schwierigsten Zeiten bildete sie mit dem Angeklagten für ein paar Wochen ein ungleiches Paar, das gemeinsam durch die Strassen zog und Ladendiebstähle beging. Ging es dem Angeklagten darum, Waren zu verkaufen, um Drogen beschaffen zu können, hatte sie es laut eigener Aussage überwiegend auf Nahrungsmittel für sich und ihre Katzen abgesehen, dazu kamen aber auch Tabakwaren und Alkohol.

Seine Partnerin bekommt ein milderes Urteil

Sie hat schliesslich Glück und wird wegen zwei einfachen Diebstählen von Waren im Wert von insgesamt 188 Franken sowie wegen Ungehorsam in einem Betreibungsverfahren verurteilt, weil sie Vorladungen keine Folge geleistet hatte. Weitere Verfahren sind entweder eingestellt oder sie ist in dubio pro reo freigesprochen worden. Deshalb übernimmt der Staat rund drei Viertel der Kosten für Untersuchungen, Gericht und ihren amtlichen Verteidiger. Zahlen muss sie eine Busse über 500 Franken.