Aarau
90-jährige Hedy: «Ich war das einzige Mädchen in der Gärtnerlehre»

Die 90-jährige Aarauerin Hedy Frey hat zwei Bezirksschülern im Rahmen des Projekts «Zeitmaschine.TV» von früher berichtet. In der Gewerbeschule in Aarau war sie vor bald 75 Jahren das einzige Mädchen.

Hubert Keller
Drucken
Teilen
Hedy Frey erzählt Andrja (ganz rechts) und Christian von ihrer Zeit als Gärtnerlehrling.

Hedy Frey erzählt Andrja (ganz rechts) und Christian von ihrer Zeit als Gärtnerlehrling.

Hubert Keller

Altersheim Golatti, erster Stock, erstes Zimmer links. Ist es das richtige? Andrja und Christian schauen sich fragend an, Andrja klopft zaghaft. Ob es die 90-jährige Hedy Frey gehört hat? Es dauert nur ein paar Sekunden, bis sich die Tür öffnet: «Kommt nur herein!» Das Zimmer ist gemütlich eingerichtet. Erinnerungsfotos hängen an der Wand. Die beiden Jugendlichen erklären der rüstigen Frau – das Kompliment erwidert sie mit einem Achselzucken: «Man merkt es, dass man alt wird» – ihr Vorhaben.

Andrja Pejcinovic und Christian Brunner, Schüler der dritten Bezirksschulklasse, nehmen mit ihrer Klasse am Projekt Zeitmaschine.TV teil. Ausgestattet mit einem Aufnahmegerät, lassen die Schüler von Lehrerin Cornelia Schiegg im Golatti Seniorinnen und Senioren von früher berichten. Das aufgezeichnete Tondokument wird später mit Fotografien aus jener Zeit zu einem multimedialen Clip zusammengefügt.

«Gartenarbeit machte mir Freude»

«Wir hatten einen grossen Garten zu Hause», erzählt Hedy Frey. Andere Leute schrecke die Gartenarbeit ab, doch sie habe Freude daran gehabt und wollte deshalb Gärtnerin werden. «Man kann doch nicht etwas lernen, das einem keine Freude macht», sagt sie und fragt bei den Jugendlichen nach: «Wie habt ihr es denn damit? Das stimmt doch?» So war Hedy Frey vor bald 75 Jahren an der Gewerbeschule in Aarau das einzige Mädchen unter rund zwanzig Burschen. Sie berichtet, wie die älteren Geschwister, die bereits etwas Geld verdienten, sie während der Lehre finanziell unterstützten. «Das war üblich, dass die Grossen aushalfen, finanziell», erzählt die Zweitjüngste von acht Geschwistern.

Das Projekt «Zeitmaschine.TV» hat der Berner Medienwissenschafter und Historiker Christian Lüthi 2008 ins Leben gerufen. Kinder und Jugendliche erforschen die Vergangenheit, indem sie Zeitzeugen erzählen lassen. Sie sind dabei weniger Interviewer als vielmehr Zuhörer. Die Jugendlichen erfahren nicht nur viel von anderen Lebensbereichen und Lebenserfahrungen, sondern üben sich dabei auch im Recherchieren und Dokumentieren. Und sie lernen, sofern das überhaupt noch nötig ist, den Umgang mit den neuen Medien kennen.

Das Projekt Zeitmaschine.TV verwendet die Methode der «Oral History». Diese lässt Zeitzeugen sprechen, ohne dass sie von Historikern oder Interviewern beeinflusst werden. Personen aus verschiedenen Milieus, nicht nur wichtige Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, sollen zu Wort kommen und ihre Lebenswelten für die Nachwelt festhalten. Es ist Alltagsgeschichte, welche auf www.zeitmaschine.tv der Öffentlichkeit frei zugänglich gemacht werden.

Einverständnis mit Vertrag

Andrja und Christian lassen Hedy Frey einen Vertrag unterschreiben, mit dem sie ihr Einverständnis zur Veröffentlichung im Internet gibt. Und die Jugendlichen unterschreiben, dass sie das Vertrauen der Seniorin nicht missbrauchen.

«Ich bin immer noch nicht ganz daheim hier», verrät Hedy Frey. Etwas Wehmut schwingt mit. «Ich konnte ja nicht länger zu Hause bleiben. Ich kann aber auch nicht sagen, es gefalle mir hier nicht.»

Das Projekt Zeitmaschine.TV wird auf das Altersheim Herosé ausgedehnt. Auch dort werden Zeitzeugen ihr kleines, aber wichtiges Stück Alltagsgeschichte aufzeichnen lassen – für die Generation ihrer Gross- und Urgrossenkel.

Aktuelle Nachrichten