Der aus Basel stammende Unternehmer Daniel Rehmann lädt alle zwei bis drei Monate zu einem geselligen Treffen ein. Am vergangenen Sonntagabend wurde darum auf der Dachterrasse des Swiss Technopark Mobahauses das Spiel Schweiz gegen Brasilien angeschaut. Die «Schweiz am Wochenende» hat sich in der 6-Millionen-Stadt am Finnischen Meerbusen bei Landsleuten umgehört, wie das Leben hier so ist. Sie ist im WM-Austragungsort mutigen und spannenden Menschen mit ebenso spannenden Tätigkeiten begegnet.

Der 20-jährige Basler Philip Hedges liess sich während vier Jahren in München zum Balletttänzer ausbilden. Seit Ende August 2017 ist er fest angestellt beim renommierten Michailowski-Theater. Wir trafen uns im Café Singer am Nevskiy Prospekt.

Der 20-jährige Basler Philip Hedges liess sich während vier Jahren in München zum Balletttänzer ausbilden. Seit Ende August 2017 ist er fest angestellt beim renommierten Michailowski-Theater. Wir trafen uns im Café Singer am Nevskiy Prospekt.

«Mein Entscheid für Russland war gut»

«Russland ist eigentlich nicht unbedingt mein Ziel gewesen. Nachdem ich aber vor einem Jahr in Barcelona mehreren Ballettkompanien vorgetanzt hatte und dann ein Angebot vom Michailowski-Theater aus St. Petersburg erhielt, entschied ich mich doch, hierherzukommen. Klar, mit 19 Jahren brauchte es schon etwas Mut, in eine fremde, unbekannte Welt einzutauchen, ohne die Sprache zu sprechen. Aber ich habe mich durchgebissen und kann mich mittlerweile auf Russisch verständigen.

Meine Eltern waren beide Balletttänzer in Basel und ich bin dort aufgewachsen, bis ich 15 war. Ich selber habe mit 13, 14 Jahren relativ spät seriös mit dem Tanzen begonnen, sehe das heute aber als mentalen Vorteil an, weil ich immer weiss, dass ich noch aufholen und an mir arbeiten muss.

Wir haben hier eine Sechstagewoche; das heisst, täglich ein paar Stunden Training und 10 bis 15 Vorstellungen pro Monat. Diese sind immer ausverkauft. Von den 125 Tänzern unserer Kompanie bin ich einer von zehn Ausländern. Ich tanze solo und in Gruppen und bin dankbar, als junger Tänzer eine Chance bekommen zu haben. Aber der Job ist hart, die Russen verlangen mehr, als es im Westen der Fall ist. Seit ich hier bin, war ich nicht mehr in der Schweiz.

Ich wohne mit meiner Freundin im Zentrum von Sankt Petersburg, nur zehn Minuten vom Theater entfernt. Auch sie ist Tänzerin, aber bei einer anderen Kompanie. Ich verdiene monatlich 1000 Euro, und die Wohnung ist bezahlt. Ich bin positiv überrascht vom Leben hier und von der Lebensfreude der Menschen. Nach St. Petersburg zu kommen, war ein guter Entscheid. Im nächsten Jahr gehen wir dann nach Kalifornien auf Tournee.»

Walter Denz aus Uster ist 53-jährig und 1992 nach St. Petersburg gekommen. Er ist mit einer Russin verheiratet und hat drei Kinder. Mit seiner Sprachschule Liden & Denz ist er Marktführer in Russland. Dort haben wir uns getroffen.

Walter Denz aus Uster ist 53-jährig und 1992 nach St. Petersburg gekommen. Er ist mit einer Russin verheiratet und hat drei Kinder. Mit seiner Sprachschule Liden & Denz ist er Marktführer in Russland. Dort haben wir uns getroffen.

«Ich bin ein Petersburger»

«Ich bin hier der Schweizer Dinosaurier. Ich war seit meinem Studium sensibilisiert für den Osten und sah 1992 in St. Petersburg viel Potenzial, die Stadt aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Die Leute hier haben uns angeschaut, als ob wir vom Mars kämen, waren aber extrem wohlwollend.

Eigentlich war es ja eine Bieridee, ohne Russisch zu sprechen, eine Sprachschule für Russisch aufzubauen. Während fünf Jahren ging es uns finanziell grottenschlecht. Heute haben wir Schulen in St. Petersburg, Moskau, Riga und Irkutsk mit 100 Lehrern und total 2500 Schülern. Zudem haben wir einen eigenen Lehrbuchverlag. Sankt Petersburg ist meine Stadt, ich bin Petersburger.

Die WM in Russland ist gut für die russische Seele. Die Leute sind enorm stolz, aller Welt ein modernes Land zu zeigen. Das System ist nicht invasiv, die Leute sind nicht am Gängelband wie in Nordkorea. Seit ich hier bin, ist es Russland nie so gut gegangen. Es ist ziemlich liberal. Klar gibt es auch einiges auszusetzen. Zum Beispiel, wie Putin immer durchgewunken wird. Allerdings sträube ich mich dagegen, Russland auf Putin zu reduzieren.

Mein Sohn spielt hier Leistungsfussball. Mit ihm habe ich gestern in Kaliningrad das Spiel der Schweizer gegen Serbien besucht.»

Wegen der Liebe lebt Thomas Buser (37) seit 2013 in St. Petersburg. Der Mr. Universe und Weltmeister im Bodybuilding arbeitet als Fitnesstrainer. Treffpunkt mit dem Stadtbasler war ein Café beim Metrohalt Chernyshevskaya.

Wegen der Liebe lebt Thomas Buser (37) seit 2013 in St. Petersburg. Der Mr. Universe und Weltmeister im Bodybuilding arbeitet als Fitnesstrainer. Treffpunkt mit dem Stadtbasler war ein Café beim Metrohalt Chernyshevskaya.

«Die Krise ist auch bei mir angekommen»

«2011 habe ich auf einer Russlandreise meine heutige Frau Natalia kennen gelernt. Ich war damals in der Schweiz stellvertretender Geschäftsführer eines Autohauses. Während zweieinhalb Jahren bin ich alle drei Wochen nach Sankt Petersburg geflogen. Seit Dezember 2013 lebe ich hier. Ich bin ein Familienmensch und verbringe meine Freizeit am liebsten in unserer Eigentumswohnung in der St. Petersburger Agglomeration bei meiner Frau und den zwei Kindern.

Ich arbeite als selbstständiger Personaltrainer in einem Fitnesscenter auf jener Insel, auf der das neue Stadion steht. Ich liebe meinen Job, denn ich brauche auch im Beruf den Kontakt zu Menschen. Aber die Krise ist auch bei mir angekommen, es kommen weniger Leute ins Training. Vielleicht muss ich mit meiner Familie überlegen, ob wir in der Schweiz bessere Perspektiven hätten.

Dank der WM wurden viele Strassen repariert und es wurde eine kostenpflichtige Schnellstrasse gebaut, auf der ich nun rascher am Arbeitsplatz bin. Als ich 2013 wenig Arbeit hatte, habe ich das Training forciert, und 2014 wurde ich im Bodybuilding in Südkorea Mr. Universe und im gleichen Jahr in Australien Weltmeister. Heute vertrete ich als Funktionär die Schweiz im Weltverband.»

Der Basler Taddeo Battistini (43) lebt seit 23 Jahren in St. Petersburg. Er ist mit Tatjana verheiratet und hat aus erster Ehe eine Tochter. Battistini besitzt auch den russischen Pass. Wir trafen ihn in seiner Pension an bester Lage.

Der Basler Taddeo Battistini (43) lebt seit 23 Jahren in St. Petersburg. Er ist mit Tatjana verheiratet und hat aus erster Ehe eine Tochter. Battistini besitzt auch den russischen Pass. Wir trafen ihn in seiner Pension an bester Lage.

«Der Westen macht einen Riesenfehler»

«Ich bin als 20-Jähriger aus Basel nach Sankt Petersburg gekommen und habe zuerst zwei Jahre als Deutschlehrer gearbeitet. Es war kompliziert, weil ich kein Russisch sprach … Ich habe dann vier Jahre an der Uni studiert und mit Wohnungen gehandelt. Weil es hier entweder nur Luxushotels oder Absteigen gab, habe ich dann als Erster etwas «zwischendrin» aufgemacht. Man kann schon sagen, dass ich ein Pionier war. Es war sehr erfolgreich, die Leute sind Schlange gestanden. Ich bin happy hier, habe etwas aufgebaut und eine Familie. Eine Rückkehr in die Schweiz ist kein Thema. In der Stadt läuft jeden Tag etwas, das kulturelle Angebot ist top.

Die Neunzigerjahre unter Jelzin waren wild und anarchisch. Mit Putin wurde Russland um 2000 aber zivilisiert. Er hat Ordnung gebracht. Natürlich ist einer wie Kadirow in Tschetschenien kein Engel. Aber vorher herrschten dort Zustände wie in Afghanistan, jetzt ist Ruhe und den Menschen geht es besser. Der Westen macht einen Riesenfehler, wenn er Russland verteufelt. Wie im Fall der ‹Krim›. Dort ist kein Schuss gefallen und fast 100 Prozent der Menschen wollten zu Russland. Dieses braucht den Westen nicht so sehr, wie dieser meint, und wendet sich nun eben dem Osten zu.»

Madeleine Lüthi (52) war 1990 erstmals in St. Petersburg. Sie hat das Swisscenter (Hotel Helvetia, Rustravel, Kulturprojekt Helenika) mit aufgebaut. Die Bernerin war acht Jahre General-Honorarkonsulin. Wir trafen sie im Helvetia.

Madeleine Lüthi (52) war 1990 erstmals in St. Petersburg. Sie hat das Swisscenter (Hotel Helvetia, Rustravel, Kulturprojekt Helenika) mit aufgebaut. Die Bernerin war acht Jahre General-Honorarkonsulin. Wir trafen sie im Helvetia.

«Russland ist eine Demokratie»

«1990 habe ich in Sankt Petersburg einen neunmonatigen Sprachkurs gemacht. Ich war neugierig, wollte zu neuen Ufern aufbrechen und wissen: Wie lebt es sich in der Planwirtschaft? Dann habe ich den wilden Osten erlebt, als unzählige Unternehmen geschlossen wurden und sehr viele Menschen ihr Vermögen verloren. 1998 und 2008 gab es schlimme Inflationen, 2014/15 eine wahnsinnige Teuerung. Jetzt hat sich die Situation gebessert, aber das Gefälle zwischen Stadt und Land ist gross. Putin hatte grosses Interesse an einem guten Verhältnis mit Europa, wurde aber abgewiesen. Das ist bedauerlich. Für mich ist Russland eine Demokratie.

Dank der WM ist unser Boutique-Hotel voll. Wir haben die Infrastruktur stark ausgebaut: 100 Angestellte, 82 Zimmer und Gäste aus aller Welt, auch viele Kulturschaffende. Mindestens 50 Prozent sind Russen. Viele sind Stammgäste. Der Mix ist gut.

Heute bin ich vor allem im Tourismus tätig, organisiere Reisen und betreue Gäste. Es sind oft spezielle Dinge. Bauern haben sich zum Beispiel die Landwirtschaft hier angeschaut. Ich habe einen Freund und fahre am Wochenende oft auf meine Datscha ausserhalb der Stadt. Mein Lebensmittelpunkt ist hier, meine Heimat aber die Schweiz.»