Herr Neuhaus, bereuen Sie den Persilschein, den PwC Schweiz im Fall Hildebrand erstellt hat?
Markus Neuhaus: Nein. Es war kein Persilschein, sondern eine gute Arbeit. Wir hielten aufgrund der Informationen, die wir im Dezember hatten, fest, dass die Transaktion reglementkonform aber heikel war.
Der Bankrat hat aber aus dem «heikel» ein «haltlos» gemacht.
Es ist nicht unsere Aufgabe zu kommunizieren. Wir haben darauf hingewiesen, dass es in diesem Fall Fragen gibt, die übers Reglement hinausgehen. Schon deshalb ist es völlig falsch von einem Persilschein zu reden. Wir machen seriöse Arbeit, klären ab und geben Empfehlungen ab. Wir stehen zu diesem Gutachten.
Dennoch: PwC hat nie direkt mit Hildebrand über die umstrittene Dollartransaktion gesprochen.
Das ist das übliche Vorgehen: Wir bekommen Unterlagen, stellen schriftliche Nachfragen, erhalten schriftliche Antworten.
Hätte nicht mit etwas mehr Zeit ein besseres Gutachten erstellt werden können?
Der Bankrat wollte rasch vorgehen. Wir haben am Freitag, 16. Dezember, um 15 Uhr den Auftrag erhalten, um 17 Uhr haben wir mit der Arbeit begonnen. Eine Woche später lag der Bericht auf dem Tisch. Dass im Januar zusätzliche Informationen aufgetaucht sind, war für alle überraschend – und unangenehm. Zusätzliche Informationen müssen zusätzlich gewürdigt werden. Wir haben aber dazu keinen Auftrag.
Dafür darf jetzt Ihre Konkurrentin KPMG die Transaktionen der Direktoriumsmitglieder seit 2009 neu überprüfen. Wird KPMG neue Überraschungen aufdecken?
Ich kenne den Auftrag nicht. Aber ich kann sagen: Wir haben jährlich die Transaktionen der Mitglieder des erweiterten Direktoriums geprüft, ihre Konto- und Steuererklärungsauszüge sorgfältig angeschaut. Das ist Teil der jährlichen Prüfung, so steht es im Reglement. Deshalb erwarte ich keine Überraschungen. Die heikle Transaktion war eine einmalige Situation. Aber ich möchte hier auch sagen: Wir haben überprüft, was man uns gezeigt hat.
Aber stecken Sie nicht in einem grundsätzlichen Interessenskonflikt, schliesslich ist die Nationalbank eine gute PwC-Kundin?
Wir sind die unabhängigste Stelle, die es gegenüber der Nationalbank überhaupt gibt! Denn als Revisionsstelle haben wir eine gesetzliche Unabhängigkeitspflicht, die wir nachweislich immer eingehalten haben. Wenn jemand behauptet, es wir hätten ein Gefälligkeitsgutachten ausgestellt, ist das schlicht und einfach dumm.
Aber Hand aufs Herz: Kann man ein kritisches Gutachten erstellen, wenn man damit riskiert, einen guten Kunden zu vergraulen?
Aber sicher, und das ist genau das, was die Kunden erwarten. Sie fragen uns, weil sie eine objektive Aussensicht wollen, alles andere nützt ihnen nichts. Die Auseinandersetzung mit komplexen Fragen gehört zu unserem Geschäft, inklusive der nachfolgenden Diskussion mit dem Kunden.
EU-Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier sieht das anders. Er will, dass PwC und Co nicht gleichzeitig Buchprüfungs- und Beratungsmandate halten können.
Herr Barnier kann das nicht allein entscheiden. Der Entscheid liegt beim EU-Parlament. Und übrigens steht auch die Kommission nicht geschlossen hinter seinem Projekt, genauso wenig wie viele Mitglieder des EU-Parlamentes und breite Kreise der Wirtschaft.
Frankreich, Barniers Heimatland, kennt diese Trennung.
Das stimmt, aber sie hat sich international nicht durchgesetzt. Im Gegenteil: Dieses System hat Mängel. Kunden wollen, dass wir ihnen als Revisionsstelle nicht nur Probleme, sondern auch Lösungen aufzeigen.
Und so kommen Sie über die Buchprüfung zu den lukrativeren, attraktiveren Beratungsmandaten.
Hören Sie auf mit diesem Mythos! Das Revisionsgeschäft macht mit rund 53 Prozent mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus, ist finanziell erfolgreich – und zudem weniger volatil als das Beratungsgeschäft. Zudem: Es gibt bereits heute Auflagen und Restriktionen: Wir dürfen nicht alle Beratungsmandate übernehmen bei Firmen, wo wir für die Revision zuständig sind.
Barnier will weiter, dass Firmen die Revisionsstelle alle sechs Jahre auswechseln müssen.
Als eines der wenigen Länder kennt heute Italien das System der Zwangsrotation. Aber deswegen hat Italien nicht das bessere Revisionssystem. In der Schweiz muss der leitende Revisor alle sieben Jahre ausgewechselt werden. Das reicht vollkommen aus.
Barnier ist diese Woche auch in Davos. Werden Sie mit ihm über seinen Reformplan reden?
Wir haben bereits mit ihm gesprochen, aber er hört nicht zu. Es scheint, als sei er an einem Dialog nicht interessiert.