Selbst wenn man nicht Fan des Autorennsportes ist, Namen von Schweizer Piloten wie Peter Sauber, Marc Surer, Jo Vonlanthen oder Jo Siffert (1936–1971) und Clay Regazzoni (1939–2006) bringt man trotzdem spontan damit in Verbindung. Bekannt gemacht hat diese Persönlichkeiten der Aufstieg in die Formel 1. Doch bis dahin war es ein weiter Weg, auf dem sie mit unzähligen anderen Fahrern auf ebenso unzähligen Rennstrecken unterwegs waren, deren Namen in der breiten Öffentlichkeit weniger oder auch gar nicht bekannt geworden sind; Harry Zweifel oder Kurt Buess sind nur zwei Beispiele.

Und genau diesen Fahrern und ihren Geschichten, ihren Autos, Konstrukteuren und Begleitern widmet sich das Hauenstein-Archiv, historisches Motorsportarchiv Schweiz. Es hat seinen Sitz im bernischen Wangenried und ist benannt nach seinem Gründer und Besitzer Urs Hauenstein aus Oberflachs AG. Das Archiv wird ehrenamtlich betrieben, mit verantwortlich sind Hansruedi Küpfer (Langenthal) und Max Kilchenmann (Herzogenbuchsee). Den Raum und die Infrastruktur stellt Hans-Rudolf «Howi» Howald (Deitingen) zur Verfügung. Alle vier sind oder waren lizenzierte Rennfahrer.

Der Grand Prix von Bern zündete

«Der Automobilrennsport hat mich schon als Kind fasziniert», erzählt Urs Hauenstein. «Mein Vater nahm mich im Jahr 1952 an den Grand Prix von Bern mit, und von da an liess mich der Gedanke nicht los, selber einmal Rennen zu fahren.» 1966 kaufte er sich einen Lotus Elan, erwarb sich ein Jahr später die Rennlizenz und fuhr im Vorarlberg sein erstes Bergrennen. Acht bis zwölf Berg- und Rundstreckenrennen fuhr er dann fast jährlich und schaffte es zweimal auf den 4. Rang in der Jahreswertung der Europabergmeisterschaft, Kategorie Serienfahrzeuge.

Urs Hauenstein war Sekundarlehrer und erarbeitete 1992 in einem Bildungsurlaub eine Semesterarbeit über die Geschichte der Schweizer Sport- und Rennwagen von 1955 bis 1992. «Es ist fast unglaublich», berichtet er, «was Konstrukteure und Rennfahrer mit ganz bescheidenen Mitteln verwirklicht haben.» Hauenstein schöpfte Informationen aus Heften, Büchern und Dokumenten, Fotos und Filmen, die er schon gesammelt hatte, recherchierte in grossem Umfang, und tat dies auch weiter, als die Semesterarbeit abgeschlossen war.

Begeisterte Mitstreiter gefunden

«Das Archiv im Haus meiner Eltern wuchs und wuchs, und als das Haus verkauft wurde, musste ich einen Platz suchen.» Den fand er im Race-Inn in Roggwil, dessen Geschäftsführer Peter Dätwyler hatte er in der Rennsportszene kennen gelernt, so wie auch seine heutigen Mitstreiter im Archiv, Küpfer und Kilchenmann. Als Dätwyler das Race-Inn aufgab, erklärte sich Hans-Rudolf Howald – genannt «Howi» – bereit, Raum und Infrastruktur in seiner Liegenschaft in Wangenried zur Verfügung zu stellen. Dort stehen auch zahlreiche historische Rennfahrzeuge, sowohl fertig restaurierte als auch solche, die noch restauriert werden.

«Ich engagiere mich sehr gerne für das Archiv», betont Howald. «Für mich gehören Rennwagen, die in der Schweiz gebaut worden sind, und alles, was zu deren Geschichte gehört, genauso zum erhaltenswerten Kulturgut wie jenes von Künstlern oder Schriftstellern.» Eine dieser Geschichten ist zum Beispiel jene von Peter Saubers C1, von dem es die Ausführungen 001 und 002 gab. Mit dem C1-001 holte Sauber 1970 den Meisterschaftstitel in der 1000-ccm-Klasse. Beide Typen wurden in den folgenden Jahren von verschiedenen Piloten gefahren, umgebaut, verkauft, wieder zurückgekauft, neuen Anforderungen angepasst und wieder verkauft. «Darin liegt die Faszination», sagt Howald, «man kann nachverfolgen, was im Bereich dieser Liebhaberei noch in Eigenarbeit möglich ist.»

Stösse von Material

Mittlerweile hat sich in der Szene herumgesprochen, dass sich jemand für Dokumente aller Art über den Schweizer Motorsport interessiert. Und so stapeln sich Stösse von Material im Archivraum in Wangenried, Material, das beispielsweise von Familienangehörigen eines verstorbenen Rennfahrers angeliefert worden ist. Jeden Mittwochabend kämmen Hauenstein, Küpfer und Kilchenmann Schriftstücke, Ranglisten und Fotos durch, scannen ein, versehen Bilder mit Namen und Ort des Geschehens und legen alles, was relevant ist, elektronisch ab mit einer professionellen Software, die eine effiziente Bewirtschaftung des Archives möglich macht. Weit über hundert Namen und Fahrzeuge sind bis jetzt erfasst worden.

Welche Fahrzeuge sind denn relevant? «Es muss mit Bildern, Namen und Ranglisten nachgewiesen werden, dass das Fahrzeug national und international in einer bestimmten Periode gefahren worden ist», antwortet Hauenstein. «Unsere Angaben im Archiv sollen so präzise wie möglich sein, daher dienen uns mündliche Angaben nur als Ergänzung.»

Wem dient das Archiv?

Man sei sich bewusst, dass das Motorsportarchiv nur für einen beschränkten Personenkreis von Interesse ist, in diesem Kreis aber umso grösser, betont Hauenstein, denn der historische Motorsport sei beliebt und finde auch bei den Jüngeren Zuspruch. «Wenn einer ein Fahrzeug kaufen und damit ein Rennen in einer bestimmten Kategorie fahren will, so muss er schriftlich nachweisen können, dass das Auto im Zustand aus jener Periode ist, der es zugeschrieben wird.» Für diesen Nachweis, den die Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) ausstellt, kann das Hauenstein-Archiv, falls das Fahrzeug dort erfasst ist, die nötigen Unterlagen liefern.

Das Archiv wird nicht kommerziell genutzt, Material wird unentgeltlich entgegengenommen. Ein Besuch ist auf Voranmeldung möglich, Informationen sind auf schriftliche Anfrage erhältlich via Homepage www.hauenstein-archiv.ch.