Herzliche Gratulation, Mario Adorf, zur Leistung in «Der letzte Mentsch». Das Publikum war sehr berührt. Eine Überraschung für Sie?

Mario Adorf: Ja. Ganz bestimmt. Überhaupt bin ich sehr von diesem Filmpublikum hier in Solothurn angetan. Schon während der Filmprojektion spürte ich, wie die Leute mitgingen und den Film verstanden. Eine ganz besondere Freude, diese Emotionen mitzuerleben, denn als mitmachender Schauspieler muss man ja seine Emotionen im Griff behalten. Wir haben den Film auch schon in München gezeigt. Da hatten wir nie solch berührende Reaktionen.

Kann es sein, dass das Schweizer Publikum mit dem Thema Holocaust etwas unverkrampfter umgeht als das deutsche Publikum?

Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Dass in Deutschland auch eine Art Übersättigung für dieses Thema besteht. Doch ich bin der Meinung: Man muss immer wieder davon sprechen, damit es nie wieder passiert.

Interview mit Schauspieler Mario Adorf an den Solothurner Filmtagen

Ist das eigentlich Ihr erster Besuch der Solothurner Filmtage?

Nein, ich war vor ungefähr zehn Jahren mal da. Aber fragen Sie mich nicht, welchen Film ich da gesehen habe. Das habe ich vergessen.

Aber von unserer Stadt haben Sie damals etwas mitbekommen?

Nein, aber diesmal. Am Donnerstagabend habe ich diese wunderschöne Stadt endlich etwas besser kennen gelernt. Es ist sehr schön hier. Und was mich auch erstaunt und begeistert: An einem Freitagnachmittag, bei der Projektion unseres Filmes, war der letzte Platz im Saal besetzt.

Haben Sie den Eröffnungsfilm am Donnerstagabend gesehen?

Ja, und ich war sehr beeindruckt davon. Ich kannte zwar die Geschichte von Paul Grüninger, doch der Film hat eine beeindruckende Qualität. Besonders die Leistungen der Schauspieler haben mir gefallen. Allen voran die meines Freundes und Kollegen Stefan Kurt. Auch der junge Max Simonischek ist mir aufgefallen.

Sie kennen Stefan Kurt gut?

Ja, wir arbeiteten doch im Fünfteiler «Der Schattenmann» zusammen. Wir haben also gemeinsam schon fünf Filme gedreht.

Ich nehme an, Sie können auch als älterer Schauspieler aus vielen Rollenangeboten auswählen. Stimmt das?

Die grosse Zahl der Angebote, die kommen, lehne ich ab. Aber das war schon immer so. Deshalb bin ich besonders dankbar, wenn mir solch schöne Rollen wie diese im «Der letzte Mentsch» angeboten werden.

Sie könnten sich doch aber auch zurücklehnen und sagen: das wars, ich hab alles gesehen.

Ich habe einige Kollegen, die es genau so sehen. Doch mir entspricht das nicht. Ich bin immer noch gerne Schauspieler und stelle mich den Herausforderungen des Berufes. Er reizt mich immer wieder. Glücklicherweise habe ich gute Gene, sodass ich auch mit 83 noch genügend fit bin, um mit dabei zu sein. Für einen älteren Schauspieler wie mich stellen sich aber ganz andere, banale Fragen. Zum Beispiel: Wer versichert mich in diesem Alter noch?

Der Stress hat doch aber auch in der Filmbranche enorm zugenommen.

Ja, das schon. Aber ich bin immer drangeblieben und habe mich immer angepasst. An diesen Stress habe ich mich gewöhnt.

Was kommt denn als Nächstes mit Mario Adorf?

Gerade habe ich in einem TV-Zweiteiler den Gepetto im «Pinocchio» gespielt. Das war auch eine ganz schöne Arbeit.

«Der letzte Mentsch» von Pierre-Henry Salfati. 27. Januar, 14 Uhr, im Konzertsaal.