Ob Polymechaniker, Maschinenbauingenieur, Hilfskraft oder Manager: Wenn in einem Unternehmen vorübergehend Personalnot herrscht, schlägt jeweils die Stunde der Vermittler von Temporärpersonal. Diesen Ansatz hat Cornelius Warncke auf das Gesundheitswesen übertragen. Der Facharzt für Intensivmedizin und Innere Medizin gründete im Januar 2014 die Medseek GmbH mit Sitz in Solothurn. Ziel der Kleinfirma ist es, Spitälern und Kliniken mit zeitlich begrenzten Personaleinsätzen über Wochen oder Monate Hilfe bei Personalengpässen zu leisten. Speziell ist: Medseek konzentriert sich ausschliesslich auf die Berufsgruppe der Ärzte und Ärztinnen.

«Hauptgründe für solche Engpässe sind Krankheit, Ferien, Weiterbildungen oder generell die massive Arbeitsbelastung von Ärzten in Spitälern und Kliniken», berichtet der 41-jährige Warncke. Das Stammpersonal laufe oft zeitlich am Limit, die Belastung, ausgelöst durch den herrschenden Ärztemangel, sei enorm. Da könne sich ein Ausfall eines Berufskollegen fatal auswirken; mit der nochmals höheren Belastung steige auch das Fluktuationsrisiko. Ein Teufelskreis. Warncke zitiert dazu aus einer Studie des Bundesamtes für Gesundheit. Danach praktiziert jede fünfte Ärztin und jeder achte Arzt zehn Jahre nach Studienabschluss nicht mehr. Hauptgrund ist die fehlende Möglichkeit zur Teilzeitarbeit. «So gehen nach der teuren und langen Ausbildung viele Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt verloren», so Warncke. Hier versucht er mit seiner Dienstleistung, Abhilfe zu schaffen. Die Anstellung auf temporärer Basis eröffne den «Störärzten» neue Berufsperspektiven; insbesondere für Ärztinnen und Ärzte, welche als Mutter respektive Vater nicht 100 Prozent praktizieren wollten. «Unser Modell ermöglicht es, die medizinischen Fachkräfte im Arbeitsmarkt zu halten oder wieder zu integrieren.»

Stimmen zu «störärzten» als dienstleistungsAngebot

Am Bürgerspital Solothurn wird das Engagement von Medseek-Ärzten bestätigt. Man arbeite aber auch mit anderen Temporärvermittlern zusammen, erklärt Eric Send, Mediensprecher der Solothurner Spitäler AG, zu welcher auch das Bürgerspital gehört. Die abgedeckten Vakanzen im Facharztbereich seien durch Personalfluktuationen entstanden. Ein Einsatz von Temporärärzten wegen Ferienabwesenheiten kann sich Send hingegen nicht vorstellen. «In diesem Fall wäre bei der Personalplanung etwas schiefgelaufen.» Ebenso nimmt das Spital Langenthal Temporärärzte in Anspruch. «Auf unserer Intensivstation zählen wir seit über einem Jahr auf die Dienste von Medseek», erklärt Alexander Klarer, Ärztlicher Leiter Intensivstation. Auch künftig werde man personelle Engpässe mit dieser Dienstleistung überbrücken, «weil die Rekrutierung von hochqualifizierten Fachärzten gerade in kleineren Spitälern schwierig ist». Insbesondere in der Intensivmedizin herrsche schweizweit ein Mangel an Fachärzten. Auch steige der Bedarf an Intensivplätzen aus demografischen Gründen stetig an. Tatsache ist aber auch: Den Ärztemangel können Medseek und ähnliche Anbieter höchstens mildern, aber nicht beheben. Dazu braucht es mehr Mediziner. Deshalb hat der Bundesrat gerade erst beschlossen, mit 100 Millionen Franken zusätzliche Ausbildungsplätze für Ärzte zu finanzieren. Ziel ist es, die Zahl der Studienplätze pro Jahr innerhalb von zehn Jahren von rund 800 auf 1300 zu erhöhen. (fs)

Das sei auch ursprünglich ein Grund gewesen, warum er, als Vater von zwei kleinen Kindern, die Dienstleistungsfirma gegründet habe. Zuvor arbeitete Warncke während mehrerer Jahre als Oberarzt am Berner Inselspital. Das Hauptmotiv sei aber gewesen, dass er am liebsten direkt am Patienten arbeiten will, «statt mich in der Spitaladministration und der starren Hierarchie zu verlieren», erzählt der Arzt mit unternehmerischem Blut. Und das sei als «Störarzt» besser möglich.

Vor dem ersten Einsatz erhalte der Medseek-Arzt eine umfassende Einführung über das betreffende Spital als Arbeitsort. «So sind die Ärzte bereits am ersten Tag sofort und nahtlos produktiv einsetzbar», sagt Warncke. Die oft wechselnden Engagements forderten von den eingesetzten Ärzten allerdings eine hohe Flexibilität. Deshalb achte man bei der Auswahl der Mitarbeitenden nicht nur auf die Ausbildung und beruflichen Fähigkeiten. «Sie müssen teamfähig, kommunikativ und dienstleistungsorientiert sein.» So kenne er alle Teammitglieder aus seinen früheren Tätigkeiten als Arzt persönlich. «Wir stehen logischerweise extrem im Fokus und dürfen uns keine Fehler erlauben; ansonsten ist das Geschäftsmodell gestorben», weiss er. Das Thema Patientensicherheit stehe zuoberst auf der Anforderungsliste. Diese sei durch Temporär-Ärzte nicht in Gefahr. Im Gegenteil. Denn gerade unbesetzte Stellen führten zu einer grösseren Belastung des Stammpersonals. In solchen schwierigen Phasen könne ein Medseek-Arzt mithelfen, das Wohl der Patienten zu garantieren. Warncke strebt den Aufbau von langfristigen Geschäftsbeziehungen mit den Kunden an. Ziel sei es, für die Spitäler eine Art Stammpersonal für Vertretungen aufzubauen. Darin liege der wichtigste Unterschied zu «normalen» Temporärfirmen in anderen Branchen.

Der Auftraggeber zahlt für die komplette Dienstleistung eine Pauschale. Medseek rechnet also den Lohn, die Sozialabzüge mit dem Temporärpersonal direkt ab und erledigt die Administration. Medseek verfüge über alle kantonalen und eidgenössischen Prüfungen und Bewilligungen der zuständigen Stellen zum Personalverleih. Für das Spital sei ein einzelner Einsatz logischerweise teurer, gesteht Warncke ein. Aber auf längere Sicht fahre der Auftraggeber nicht schlechter als mit festangestelltem Personal. Die Kosten für die Personalsuche fielen weg, und gegenüber dem interimistisch angestellten Personal habe das Spital auch keine Verpflichtungen mit vielen versteckten Kosten. «Es ist eine Mischrechnung, die letztlich für das Spital nicht höher ausfällt», behauptet er.

Offenbar hat Medseek eine Marktlücke entdeckt. Die Nachfrage nach deren Dienstleistung steige stetig an. Zu Beginn hat sich Warncke selbst vermittelt, inzwischen zählt seine Kartei rund ein Dutzend Arztkolleginnen und -kollegen. Man arbeite kostendeckend und sei auf keinerlei Fremdfinanzierung angewiesen. «Wir haben uns auf die Bereiche Notfall, Intensivmedizin, innere Medizin und Anästhesie spezialisiert», so Warncke. Die Kunden seien private wie öffentliche Kliniken in der Region Bern-Solothurn-Aargau-Freiburg. Darunter sind etwa das Spital Lindenhof Bern, das Spital Langenthal, das Inselspital Bern, die Privatklinik Linde Biel oder das Bürgerspital Solothurn (siehe Kasten).

Angesichts des Ärztemangels würden die Vakanzen in den Kliniken weiter zunehmen, glaubt Warncke. Zahlen der Stellenportale Jobagent, Pflege-Berufe.ch und Ärzte-Jobs.ch bestätigen die Not an Medizinern. Die Portale erfassen alle online publizierten Stellenangebote im Gesundheitssektor. Demnach waren, Stand Dezember 2015, über 2000 offene Arztstellen ausgeschrieben. Aber Warncke will mit seiner Firma nicht rasch wachsen. Weitere Fachärzte für das Einsatzteam seien zwar gesucht. Aber gerade im Gesundheitssektor sei die Qualität das höchste Gut, das bedinge einen langsamen Aufbau. Mittelfristig will er das Modell schweizweit etablieren. «Wir erwarten, dass Nachahmer auftreten, und wir wollen die Position auf dem Markt besetzen.»