Die Filmtage waren noch nicht vorbei, als ich mich schon im falschen Film wähnte. Schwarz gekleidete, krawattierte junge Herren verliessen die Altstadtbeiz und riefen «Sieg Heil» in die Nacht. Während andere in die Filme gingen, waren sie auf dem Weg zum ganz persönlichen Filmriss. Bei mir ging es etwas länger, bis zumindest die Musik abriss. Es war exakt 04.23 Uhr, als die fast letzten Gäste das Lokal verliessen. Um 04.37 Uhr hatte auch der DJ genug und machte dicht. 37 Minuten nach der Polizeistunde. 37 Minuten illegale Party. Raving Solothurn. Was für ein Gefühl. Bis am nächsten Morgen. Dann war auch die Parkbusse am Auto, das die Nacht neben dem Haus unter der Vorstadtlaterne überdauert hatte.

Haben Sie gemerkt, dass seit einem Jahr Beizen am Wochenende bis 4 Uhr geöffnet haben dürfen? In Solothurn bleibt das die Ausnahme. Und so schlafen wir. Wir Vorstädter manchmal etwas unruhiger. Tosende Züge fahren noch in der Nacht über die Aarebrücke und biegen in die Kurve Richtung Hauptbahnhof ein. Sie finden den Rank, auch wenn es lärmt, als ob sie drüber hinaus geraten wären. Auch das Moutierbähnli fährt da durch. Als städtische Randregion sind wir Vorstädter solidarisch und freuen wir uns mit der Handvoll (!) Gänsbrünneler und Welschen-röhre-r Zugfahrern, die jetzt 85 Mio. Franken (!!) für ihren Tunnel erhalten. Wir träumen nur, dass es bald einmal ein paar Milliönli für unseren Schlaf gibt. Aber bevor dieser Traum zu Ende geträumt ist, hat uns schon der nächste Güterzug geweckt.

Dank der Bahn haben wir Vorstädter ja unseren eigenen Tunnel. Die Unterführung bei der blauen Post hat mindestens so viel Beton. Der enge, ungemütliche Ort ist Solothurns Freiraum pur. Erst recht, seit es keinen Khüderchübü mehr hat. Während sie ennet der Aare über Grillverbot, rote Teppiche, etc. diskutieren, haben wir hier ein Deregulierungs-Freiluft-Labor, an dem trotz allem Beton sogar Gras ganz gut gedeiht. Abends nutzen Junge den Schärme für die Party. Natel-Lautsprecher und Alk aus dem Discounter. Easy, Papa Werkhof, die zuverlässigste Institution der Stadt, räumt am nächsten Tag immer auf.

«Grüesse chostet nüt», schrie mich der etwa 17-Jährige mit der Alkfahne an, als ich beim Vorbeilaufen grimmig schaute. Als er seine Gruppe verliess und mir bis zur Wohnungstüre nachlief, um mir «Grüesse chostet nüt» noch mehrmals nachzurufen, schaute ich doch etwas ernster. Es war wie im schlechten Horrorfilm. Die Polizei arbeitet aber nicht nur sonntagmorgens beim Bussenverteilen. Manchmal schaut sie auch abends in der Unterführung vorbei. Aber wenn die alle kontrollieren möchten, die Lärm machen und Alkohol trinken, dann: Guet Nacht, Fasnacht.