Ihre Touren dauerten die vergangene Woche etwas länger als gewohnt. Ein letztes Mal stellte Esther Fröhlicher nämlich am Samstag – nach 36 Jahren – die Post zu und wurde aufs Herzlichste von vielen Dorfbewohnern und ihrem Postteam verabschiedet. Ein letztes Mal war sie mit dem modernen Dreirad-Elektrofahrzeug unterwegs, welches viel Sicherheit und Platz fürs Beladen bot und zudem die Kräfte schonte.

Das war nicht immer so. Als die Posthaltergattin – ihr Ehemann André führte über 20 Jahre die Poststelle – im Juli 1981 ihren Zustelldienst begann, gehörten das Velo mit Anhänger und später der Zweiradtöff zum Fortbewegungsmittel. Post zustellen hiess für Esther Fröhlicher, bei Wind und Wetter unterwegs zu sein. «Das härtet ab, man gewöhnt sich daran», sagt sie. «Oft waren bei viel Schnee die Nebenstrassen noch nicht gepflügt, so ging ich zu Fuss weiter», erzählt sie. Ihre Arbeit nahm sie ernst, verteilte sie doch die Post als hochschwangere Frau bis zehn Tage vor der Geburt ihres ersten Kindes.

Klares Hunde-Konzept

Esther Fröhlicher gehörte im Dorf zu den Vertrauenspersonen. Oft erzählten ihr die Leute ihre Sorgen, aber auch die freudigen Ereignisse. Der Kontakt mit den Kunden wurde in den letzten Jahren weniger, fielen doch die persönlichen AHV-Auszahlungen weg und die Briefkästen mussten an die Grundstücksgrenze versetzt werden. «Die Nähe zu den Leuten war nicht mehr gegeben», sagt sie. Aber immer noch habe sie zugehört, wenn sie gespürt habe, dass jemand leide. Mit Hunden hatte sie keine Probleme, obwohl sie sich fürchtete. «Rufen Sie die Hunde zurück, sonst gibt es keine Post.» Das war ihr klares Abkommen mit den Hundehaltern.

Die Einführung der neuen Postscanner vor drei Jahren, die zur Arbeitserleichterung über diverse Apps verfügen, bot viele Vereinfachungen. Sie brachte aber auch eine totale Kontrolle über die Arbeit der Postboten.

Keine Entzugserscheinungen

Seit die Poststelle Ende Mai 2013 in Obergerlafingen geschlossen wurde, holte Esther Fröhlicher die Post in Gerlafingen ab. Die Dorfbewohner profitieren seither vom Hausservice, in welchem die Pöstlerin Abgaben von Briefen, Paketen oder Einzahlungen sowie weitere Wünsche direkt erledigte. «Dadurch sind wieder einige neue Kontakte entstanden», bemerkt sie. Rund 200 Briefkästen bediente Esther Fröhlicher zuletzt in einem 45-Prozent-Pensum.

Als Andenken an die langjährige Tätigkeit des Ehepaars bei der Post zieren das gelbe Postschild und die Ortstafel Obergerlafingen den Hauseingang.

Von Entzugserscheinungen im neuen Lebensabschnitt wollen die beiden nichts wissen. «Mehr Zeit für die Kinder und Grosskinder sowie das Mobilhome in der Region Interlaken», erwähnen Esther und André Fröhlicher ihre künftigen Vorlieben. Zudem ist Reisen angesagt, ist doch vergangene Woche ein neuer Wohnwagen eingetroffen.