In der Schule hatte Matthias S. (Name geändert) alles andere als einen guten Ruf. Der notorische Schulschwänzer zettelte immer wieder kleinere Schlägereien an, rauchte einen Joint nach dem anderen und landete auch schon mit einer Alkoholvergiftung im Spital. Zweimal mussten seine Eltern die Polizei alarmieren, weil der 15-Jährige nicht nach Hause kam.
Das war vor zwei Jahren. Inzwischen ist Matthias völlig in die Drogenszene abgerutscht und gehört nach mehreren Raub- und Gewaltdelikten zu den schwereren Fällen, mit denen sich nun die Aargauer Jugendanwaltschaft beschäftigt.
Besserer Austausch mit der Polizei
Die Biografie von Matthias wäre vielleicht anders verlaufen, wenn sein Gewaltpotential bereits mit 15 Jahren durch eine Computeranalyse erkannt worden wäre. Ein solches Projekt wird derzeit von der Aargauer Jugendanwaltschaft in Zusammenarbeit mit der Uni Fribourg erarbeitet.
Die Aargauer Jugendanwaltschaft hat ihr Diagnostik-Programm auch als Projekt beim Bund eingereicht. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) sammelt im Rahmen des Präventionsprogramms «Jugend und Gewalt» Modellvorschläge von Kantonen, Städten und Gemeinden. Ziel ist, innert fünf Jahren den Grundstein für eine nachhaltige und wirksame Präventionspraxis in der Schweiz zu legen. In Kürze sollen rund zehn Projekte ausgewählt werden, die vom Bund finanziell unterstützt werden. Gut möglich also, dass das Aargauer Projekt auch in anderen Landesteilen zum Einsatz kommen könnte. Einzelne Kantone haben bereits ihr Interesse signalisiert. (pi)
Das Ziel: Sogenannte Intensivtäter rechtzeitig zu erkennen und mit individuellen Massnahmen ein weiteres Abgleiten in die Kriminalität zu verhindern. «Wir wollen die Kriminalität an der Wurzel packen und die ganz schweren Fälle so früh wie möglich identifizieren», sagte Hans Melliger, Leiter der Jugendanwaltschaft Aargau und verantwortlich für das Analyse-Projekt.
Diese «schweren Fälle» machen 4 bis 6 Prozent eines Geburtenjahrgangs aus und sind für rund die Hälfte aller registrierten Straftaten des Jahrgangs verantwortlich. Der Kanton Aargau hat deshalb die Früherkennung von Intensivtätern als eines der Schwerpunkte der Strafverfolgung für die Jahre 2011 bis 2014 definiert.
Die Jugendanwaltschaft will dies zusätzlich zur Computer-Analyse durch einen besseren Informationsaustausch mit der Polizei erreichen. «Zudem werden unsere Jugendanwälte und Sozialarbeiter verstärkt auf die Erkennung von Intensivtätern bei Befragungen geschult», erklärte Hans Melliger.
Massnahmen werden überprüft
Die Computer-Software der Uni Freiburg soll vor allem bei diesen Täterbefragungen eingesetzt werden. Ein Pilotversuch könnte bereits Ende Jahr durchgeführt werden.
Die standardisierten Fragen rücken soziale Faktoren ins Zentrum, die nicht direkt mit dem Delikt in Zusammenhang stehen; unter anderem Freunde, Familie, Probleme wie Depressionen und Angst, aggressives Verhalten oder Drogenkonsum.
Aufgrund dieser Informationen stuft das Programm das Potential eines Täters ein und schlägt konkrete Massnahmen vor, deren Wirkung später durch das gleiche Programm überprüft wird. «Das ist keine Prävention nach dem Giesskannenprinzip, sondern individuelle Hilfe für die wirklich gefährdeten Jugendlichen», sagte Hans Melliger. Im Fall von Matthias S. hätte das System eine intensive ambulante Behandlung zu Hause empfohlen.
Die Jugendanwaltschaft setzt grosse Erwartungen in die Computeranalyse, denn ein ähnliches System der Uni Freiburg wird bereits seit 2009 mit grossem Erfolg bei Drogendelikten eingesetzt. Jugendliche, die zweimal wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz verzeigt wurden, werden generell überprüft und wenn nötig bestraft oder betreut.
System soll zurückhaltend eingesetzt werden
Wird jetzt jeder Jugendliche vom Computer analysiert, der mit einem frisierten Töffli erwischt wird? «Nein, sicher nicht», sagte Melliger, «vertiefte Abklärungen sind nur bei Verdacht auf grössere Probleme sinnvoll.»
Hans Melliger schätzt, dass das Computersystem rund 150 bis 250 Mal pro Jahr zum Einsatz kommen könnte. Zum Vergleich: Die Jugendanwaltschaft bearbeitet insgesamt zwischen 2500 bis 3500 Verfahren pro Jahr.