Die modische Vielfalt lässt im Bundeshaus üblicherweise ziemlich zu wünschen üblich – die Frauen vorwiegend im Deux-Pièces, die Männer mit Anzug (und je nach Parteizugehörigkeit Krawatte). Nicht so am Mittwoch im Nationalratssaal: Weil die überwiegende Mehrheit der Anwesenden – mehr noch als sonst – männlich war, dominierte die klassische «Schale». Doch da und dort blitzten Kleidungsstücke hervor, die sich angenehm vom grau-schwarzen Einheitsbrei abhoben: Ein Mann aus dem Nahen Osten trug ein langes Kleid mitsamt Kopftuch, das auch in einer Beduinenstadt alle Gattung machen würde. Sein Kollege aus Asien schmückte sich mit einem auffälligen Filzhut. Und das gepunktete Kleid einer Frau aus einem afrikanischen Staat war so bunt, dass sie zumindest punkto Farbenvielfalt damit allen anderen Anwesenden die Show stahl.

Der Zuschauer auf der Tribüne merkte rasch: Ein normaler Tag war das nicht im Bundeshaus. In der Tat fand am Mittwoch der traditionelle Empfang des Diplomatischen Corps statt. Die Botschafter und Missionschefs aus weit über 100 Ländern fanden sich im Parlamentsgebäude ein und überbrachten Bundespräsidentin Doris Leuthard und Aussenminister Didier Burkhalter ihre besten Grüsse und Wünsche fürs neue Jahr – streng nach protokollarischer Rangordnung.

Die Allianz «Es reicht!» wartet

Leuthard appellierte in ihrer Ansprache dafür, dass die Welt wieder mehr zu einer Gemeinschaft werde. «Bei den Herausforderungen, die uns alle betreffen», sei es «zentral, gemeinsam anzupacken und zusammenzuarbeiten», so die Bundespräsidentin vor den Diplomaten.

Eine Hauptrolle durfte auch der Apostolische Nuntius Thomas Gullickson spielen. Obwohl erst seit 2015 in der Schweiz anwesend, steht er kraft seines Amtes als Papst-Botschafter dem Diplomatischen Corps als Doyen vor. Er erinnerte in seiner Rede daran, dass es nach wie vor nicht gelungen sei, die Benachteiligten und Schutzbedürftigen am Wohlstand der Gesellschaft voll teilhaben zu lassen. Auch dürfe das Los der Flüchtlinge nicht vergessen werden, so der US-Amerikaner.

Es waren dies nette Worte an einem festlichen Anlass. Sie gingen Gullickson leicht über die Lippen. An den Traktanden, die bei ihm in den nächsten Wochen und Monaten anstehen, dürfte er schwerer zu kauen haben. Im Februar erwartet ihn ein Treffen mit der Allianz «Es reicht!», einer Gruppe von reformorientierten Katholiken. Dass diese ihm nicht sonderlich wohlgesinnt sind, dürfte er spätestens seit Anfang letzten Jahres wissen. Damals forderten die liberalen Kräfte vom Bundesrat, dass er beim Vatikan für die Absetzung des Nuntius weibelt.

«Antibabypille wie der IS»

Der Grund fürs vergiftete Klima sind höchst umstrittene Äusserungen und Twitter-Einträge, mit denen sich Gullickson innert Kürze einen zweifelhaften Ruf bei vielen Schweizer Katholiken erwarb. So retweetete er einst einen Artikel mit dem Titel: «Die Antibabypille macht dasselbe mit den Babys, wie der IS mit den Menschen tut.» Oder er zeigte offen Sympathie für die erzkonservative Pius-Bruderschaft.

Beim Treffen in Bern wird ihm die liberale Allianz eine Petition überreichen, die 2500 Personen unterzeichnet haben. Sie fordern, dass Rom nach dem bevorstehenden Rücktritt des Churer Bischofs Vitus Huonder einen apostolischen Administrator mit integrativen Fähigkeiten einsetzt. Und dass dem Bischofs-Wahlgremium – dem sogenannten Domkapitel – eine echte Kandidatenauswahl präsentiert wird.

Hintergrund: 2007, bei der Wahl des ebenfalls streng konservativen Bischofs Huonder, wurde dem 24-köpfigen Domkapitel ein Dreierticket präsentiert, bei dem zwei nur schon aufgrund ihrer Herkunft schlicht nicht wählbar waren. Böse Zungen behaupteten, dass dem Wahlgremium damals ein Blinder, ein Lahmer und, als zwangsläufig lachender Dritter, der Rom genehme Huonder vorgesetzt worden seien.

So ein Szenario will die Allianz «Es reicht!» diesmal verhindern – und weil Huonder noch diesen Frühling seinen Rücktritt einreichen muss, weibelt sie jetzt umso offensiver für ihre Interessen. Ob das Vorgehen von Erfolg gekrönt sein wird, ist schwer abzuschätzen. Der Nuntius stand gestern für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Andreas Heggli von der Allianz sagt: «Wenn man nach Österreich schaut, wo jüngst ein paar überraschend fortschrittliche Bischöfe gewählt wurden, bin ich verhalten optimistisch.»