Grindelwald
Aktualisiert am 09.02.12, um 10:36 von Max Dohner, Grindelwald
 

Das Herz der Einheimischen gegen das Geld der Auswärtigen

Quelle: Emanuel Freudiger
Jäger, Beizer, Metzger - vor allem aber Grindelwaldner: Adi Bohren steht da, wo er immer bleiben will Quelle: Emanuel Freudiger
Seit zwanzig Jahren wehren sich rund 200 Dörfler aus Grindelwald gegen Zweitwohnungen. Angeführt werden sie von einem «Patrioten», Adolf «Adi» Bohren von der «Freien Republik Oberjoch» - einem Mann wie ein Brocken. von Max Dohner, Grindelwald
 

Unten will niemand reden. Also steigen wir einfach höher, sehr viel höher, weit über das Dorf Grindelwald hinaus. Am Schluss ist es im Talnebel nicht einmal mehr zu erkennen.

Wir stehen, 2700 Meter ü. M., an der Krete eines Lawinenkessels. Die Dächer von ein paar Hütten so genannter Vorsasse im Talgrund sind bis auf die Giebel begraben. Vorsasse sind eine Art Zwischenstation auf dem Alpaufzug im Sommer. Bis da dürfte man noch bauen, dürfte bäurische Bauten «zweckentfremden». Die Alpen aber sind tabu, seit einem alten Beschluss vorausschauender Ur-Grindelwaldner 1537. Jetzt liegt alles verschneit. Pisten ziehen sich über die Hänge. Alle Schrunden, Klüfte und Zacken sind bedeckt, gerundet mit weisser Sänfte. Schwebender Schnee blitzt wie Juwelen – so sehen es Auswärtige. Wie scharfe Metallspäne – so sieht man es nach Begegnungen mit Einheimischen.

Zwanzig Jahre lang Zwietracht und Fehde um Zweitwohnungen

Nach der First-Gondelbahn ist Fussmarsch angesagt. Nach einem steilen Aufstieg mit brennender Lunge und hart klopfendem Herzen zeigt sich in einer Senke «Adis Skibar», eine umgebaute niedrige Alphütte, angeschrieben mit «Freie Republik Oberjoch». Hier oben finden wir immerhin einen Mann, der zugesagt hat, den Nebel unten aus seiner Warte etwas zu lichten. Den Nebel von Gerüchten, Geschichten, halben Erzählungen, dunklen Andeutungen, die wir unten gesammelt haben, ohne Klarheit zu erlangen.

Klarheit darüber, was hier seit ungefähr 20 Jahren die Einheimischen erregt, umtreibt, in Streit brachte, zum Teil unversöhnlich, wo dieser Streit beigelegt wurde, warum er trotzdem weiterschwelt. Es geht um Ferienwohnungen, darum, wie man deren Bau ... nicht unbedingt stoppen, aber mässigen könnte. Es geht um die Frage, wann das alte Grindelwald untergeht im neuen Grindelwald. Wann «die Heimat» verschwindet in der Welt des heimatlosen Konsums und der Spekulation?

Worüber wir demnächst abstimmen, über die Zweitwohnungs-Initiative, darüber streiten Grindelwaldner schon lange. Es ist, als habe der Ort stellvertretend die Problematik vorweggenommen und durchgespielt. Aber welches sind die Gewinner und allenfalls die Verlierer? Und vor allem: Wie wurde gespielt?

Gerade dazu: Offenbar wird mit Haken und Ösen gespielt, mit Tricks und Kniffen, mit Bauernfängerei, mit Verschleppungs-Taktiken, bewussten Versäumnissen, natürlich mit Juristen, mit teils kuriosen, teils haarsträubenden Täuschungen. Doch immer sagten unten die Leute: «Darüber will ich nicht mehr sprechen.» Einige redeten dann trotzdem, als müssten sie endlich mal Druck loswerden. Aber sie sagten: «Das schreiben Sie nicht auf» oder: «Das sage ich Ihnen und habe es nie gesagt, verstanden?»

Der vehemente Einzelkämpfer und der «neutrale» Immobilienkönig

Peter Roth etwa, Fahr- und Skilehrer, ein Einzelkämpfer. Er scheint sich zwischenzeitlich regelrecht in den Kampf verzahnt und in letzter Zeit verausgabt zu haben, lange einer der zornigsten Kritiker der Immobilien-Spekulation in Grindelwald, lange der Einzige, der ausserhalb Grindelwalds wahrgenommen wurde und mit der Bekanntmachung eines «Chalet-Skandals» für nationale Schlagzeilen gesorgt hatte. Roth zog den «König von Grindelwald», Markus Friedli, vor den Kadi. Roth stellte den Schlendrian lokaler Behörden an den Pranger. Und bekam in Teilen Recht. Die Behörden mussten seinetwegen über die Grundbücher. Er habe noch mehr Skandalöses in der Hinterhand, raunte Roth noch kürzlich. Drum waren wir erstaunt, als er jetzt plötzlich nichts mehr sagen will. Natürlich schiessen auch hier die Gerüchte wieder ins Kraut, weswegen?

Gerüchte und Geschichten wie diese: Damit sich Einheimische nicht aufregten über geschlossene Fensterläden an toten Chalets seien deren Besitzer aufgefordert worden, die Läden offen zu halten, auch bei Abwesenheit, und einen Timer einzubauen, damit manchmal Licht scheine. Die Regelung, dass zwei Drittel eines Hauses an Auswärtige verkauft werden können, ein Drittel jedoch an Einheimische, umging man, immer diesen Geschichten zufolge, indem man zwei Stockwerke luxuriös ausbaute und verkaufte; das dritte liess man leer, was sich auch so noch rechnete. Und das: Behinderte, die – natürlich unwissend – Baulandreserven besassen, versuchte man von ihren Vormündern loszueisen und unter Einfluss eigener Leute zu stellen.

So weit die äusserst vorsichtigen Kritiker in Grindelwald, viele wegen ihres Beruf oder durch Verwandt- und Bekanntschaft liiert mit der Bauwirtschaft, dem Gedwerbe, also alles andere als eine unabhängige oder einheitliche Gemeinschaft.

Auf der anderen Seite erkundigten wir uns beim «Grindelwaldner König», Markus Friedli. Vor rund 25 Jahren wanderte Friedli zu aus dem Unterwald, als Schreiner. Bis vor kurzem Präsident des lokalen Handwerker- und Gewerbevereins, ist er ein grosszügiger Sponsor örtlicher Institutionen und Skimädel, ein Vermarkter von Grindelwald, dessen Broschüren toller sein sollen als jene der lokalen Tourismusförderung. Vor allem aber ist Friedli Chef der Griwa-Gruppe (GriwaPlan, GriwaHotels, GriwaConsulting, GriwaTreuhand). Nur: Auch er will nicht reden. «Herr Friedli möchte Sie gerne wissen lassen, dass unsere Firma politisch neutral ist», teilt sein Büro mit.

«Das Grundübel ist ...», sagt der «Patriot» und greift nach hinten

Damit blieb nur der Fussmarsch, blieb Adolf «Adi» Bohren und seine «Freie Republik Oberjoch». Ein Mann wie ein Brocken. Gelernter Metzger, Beizer und Flughelfer der Air Glacier im Sommer, ein Jäger mit Jagdgründen bis nach Kanada. «Ein Patriot», sagt er, «einer, der gleichzeitig rechts und grün denkt». Ein Polit-Anarcho oder einfach: ein Bergler – und Präsident des «Vereins gegen die masslose Überbauung von Grindelwald».

Zuerst rühmt er die Schuhe an unseren Füssen, alte Armeekloben: «Das Beste, das es gibt.» In der Hütte stellt er Gulaschsuppe mit Schüblig hin – herrlich! Nachher spendiert er Kafi Fertig Zwetschgen. Von Anfang duzt er Besucher. Im Fels erspäht er als Einziger und auf Anhieb acht Gämsen. Ein Kumpel, heute 54-jährig, dem in der Jugend vielleicht ab und an «die Rosse durchgingen», der heute aber weiss, wie man die Mittel dosiert. Morgen muss er in die «Arena» des Fernsehens; er weiss schon, welchen Ton er anschlagen wird.

Angefangen hat Adis Aufstand gegen die Bauwut in Grindelwald «mit einem wüsten Brief». Darauf wurde ihm, wie er sagt: «Die Kappe geschrotet». Aber Friedli, der Immobilienkönig, sei gleichzeitig vom damaligen Gemeindepräsidenten ermahnt worden, «weniger Gas zu geben.»

Genau darum geht es ihm, er will die Entwicklung nicht abwürgen, aber bremsen: «Die Leute aus der Stadt wollen hier keine Stadt. Sie wollen Kühe sehen. Sie wollen Schweiz, wie sie sich die Schweiz vorstellen. Das Grundübel ...» – er greift nach hinten – «ist der Geldsäckel. Man muss stattdessen das Herzblut zum Kriterium der Entwicklung machen.» Als Kind habe er noch einen Schreiner neben seinem Mühlrad am Bach gesehen: «Heute nur Bauprofile, die wie Steinpilze im Sommer aus dem Boden schiessen.» Das ist hier wohl der Kern des Kampfes: Herz gegen Geld. Also die Frage: Wer bestimmt, was Herz ist? Einheimische tun das überall mehr als Auswärtige.

(az)
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