Der Onlinedienst «Google Fotos» sortiert unsere Schnappschüsse automatisch nach den abgebildeten Freunden und Familienmitgliedern. Und auch Facebook erkennt uns auf den geteilten Bildern. In Russland erkennt die Software «FindFace» arglos Flanierende anhand ihrer Profilbilder auf sozialen Netzwerken. Dies soll es Firmen in Zukunft ermöglichen, die Inhalte ihrer Werbebildschirme auf die Vorlieben der Passanten zuzuschneiden, die gerade daran vorbeigehen.

Ultra-personalisierte Werbung. Der durchsichtige Mensch. Adam Harvey, ein in Berlin lebender Forscher, würde hinzufügen: Überwachung. Manipulation. «Ich will zu einer Zukunft beitragen, in der wir alle mehr Kontrolle über unsere Privatsphäre haben», erklärte Harvey letztes Jahr an dem internationalen Hackertreffen «Chaos Communications Congress» in Hamburg. Dazu gehört auch, dass uns Programme nicht automatisch erkennen. Seine Lösung kommt aus einem unerwarteten Bereich: Mode und Make-up.

Futuristische Entwürfe

Harveys Styling-Tipps zeigen uns, wie wir die Haare tragen und uns schminken können, um für Gesichtserkennungsprogramme anonym zu bleiben – ohne falsche Bärte, Masken oder Schleier tragen zu müssen. Eyeliner zum Beispiel erleichtern durch ihre Betonung der Augenform den Kameras die Gesichtserkennung. Was ihnen die Arbeit aber erschwert, ist das Schattieren von hellen Gesichtspartien wie dem Nasenrücken, oder asymmetrisches Schminken, da Kameras von einer Gesichtssymmetrie ausgehen. Auch das Verdecken von zentralen Gesichtspartien hilft, wie zum Beispiel ein langer Pony, der die Stelle verdeckt, an der die Nase zur Stirn übergeht. Dadurch bleiben wir für unsere Mitmenschen leicht erkennbar, für Programme hingegen anonym.

Dieses Projekt namens «CV Dazzle» basiert auf Harveys vor sieben Jahren abgeschlossener Masterarbeit an der New Yorker Universität für Medien und Kunst. Harveys hat die Effizienz der Styling-Vorschläge getestet und bestätigt. Auch Facebooks Gesichtserkennungsalgorithmus «DeepFace» liess sich gemäss Harvey austricksen. Dieses Programm stellt eine speziell grosse Hürde beim Verhindern von Gesichtserkennung dar: Es wurde mithilfe von über vier Millionen auf Facebook veröffentlichten Fotos entwickelt und besitzt eine Trefferquote von 97 Prozent.

Die Idee zu seinem Design lieh sich Harvey aus dem Ersten Weltkrieg: Kriegsschiffe wurden in komplexen geometrischen Mustern aus kontrastierenden Farben angestrichen, um dem Gegner die Einschätzung von Geschwindigkeit, Grösse und Richtung zu erschweren. Das Ziel dieser Camouflage ist es also nicht, ihre Träger unsichtbar werden zu lassen, sondern möglichst auffallend und verwirrend auf das Auge zu wirken.

Wem die Farben und Muster zu ausgefallen sind, der kann die Algorithmen auch durch Kleidung verwirren: Für das Projekt «HyperFace» haben Harvey und ein Team aus Designern Schals mit abstrakten Textilmustern entworfen. Sie basieren auf vereinfachten algorithmischen Repräsentationen von Gesichtern, die deshalb von Programmen besonders leicht als solche wahrgenommen werden. Statt sein Gesicht zu verstecken oder mit Schminke zu verfremden, lenkt HyperFace die Kamera sozusagen durch Hunderte falsche textile Gesichter vom echten ab, sodass sie dieses nicht mehr erkennt.

Mode als Rebellion

Werden wir wirklich zu exzentrischen Haarschnitten, asymmetrischem Make-up und abstrakten Textilmustern greifen, um uns vor der allgegenwärtigen Überwachung zu schützen? Harvey verweist bei dieser Frage auf die sich stetig ändernden Modeströmungen: «Was heute undenkbar aussieht, kann in ein paar Jahren zum Mainstream werden.» Und erinnern uns manche seiner Schminkvorschläge nicht sogar an David Bowie und die Punks der Achtziger? Harvey setzt jedenfalls seine ganze Hoffnung auf diesen Stil, der unsere Privatsphäre schützen soll: «Die meisten von uns haben noch nicht realisiert, dass wir ständig überwacht werden. Mein Ziel ist es, unser Bewusstsein dafür zu wecken. Es sollte ganz normal werden, dass wir uns auf eine Art zurechtmachen, die dieses Wissen widerspiegelt.»

Thomas Vetter forscht seit Jahren an der Universität Basel zu Gesichtserkennungsprogrammen. Er begrüsst es grundsätzlich, dass unser Augenmerk zunehmend auf solche Themen gelenkt wird und Projekte wie Harveys Diskussionen anregen. Gleichzeitig bezweifelt der Informatikprofessor aber, dass diese Massnahmen uns längerfristig auch wirklich schützen können: «Wenn eine Mehrheit wirklich beginnen würde, die von Harvey genannten Gesichtspunkte zu verbergen, würden neue Programme entwickelt, die aufgrund anderer Merkmale ein Gesicht erkennen.» Diese Stellen müssten dann auch wieder abgedeckt werden, und so würde sich der Kreis aus Aktion und Reaktion weiter drehen – bis wir gänzlich verschleiert sind.

Selbst wenn uns Harveys Styling-Vorschläge unsere Privatsphäre nicht zurückgeben, so könnten sie zumindest zu einem modischen Statement gegen die smarte Überwachung werden.