In unserem Land besteht ein ernsthaftes Problem zwischen Eltern und Nicht-Eltern. Diesen Eindruck könnte man haben, wenn man die letzte Woche an dieser Stelle erschienene Kolumne von Professor Peter V. Kunz als Massstab nimmt. In einem Punkt, das vorweg, bin ich mit Herrn Kunz vollends einverstanden. «Kinder stellen keine Auszeichnung und keinen Leistungsausweis dar, Eltern sind nicht besser als Nicht-Eltern». So ist es!

Genau aus diesem Grund ist die seither von Professor Kunz ausgelöste Diskussion nicht nur unnötig, sondern auch gesellschaftspolitisch gefährlich. In Tat und Wahrheit kann nämlich niemand behaupten, dass in unserem Land reale Probleme zwischen Eltern und Nicht-Eltern bestehen. Warum komme ich zu diesem Schluss?

Die Stärke der Schweiz ist, dass wir mit unserer direkten Demokratie wie in keinem anderen Land mitbestimmen, ja sogar über alles Mögliche abstimmen dürfen. Der Vorteil darin ist, dass die Politik gezwungen wird, auf möglichst viele Gruppierungen Rücksicht zu nehmen, um erfolgreich Lösungen umzusetzen. So hat das Schweizer Stimmvolk in der Vergangenheit zu meiner Enttäuschung verschiedene Familien-Vorlagen, zuletzt die CVP-Volksinitiativen «Heiratsstrafe abschaffen» und «Familien stärken! Steuerfreie Kinder- und Ausbildungszulagen» abgelehnt.

In Anbetracht dieser Tatsache kann man unmöglich zum Schluss kommen, «dass wir Kinderlosen durch die Politik systematisch benachteiligt, wenn nicht sogar diskriminiert werden, ohne dass dies angeprangert würde». Leider wird hierfür kein einziges konkretes Beispiel geliefert. Kann unter diesen Umständen wirklich von systematischer Benachteiligung oder von Neid der Eltern gegenüber Kinderlosen gesprochen werden?

Wenn wir die Familienpolitik der Schweiz mit jener in unseren Nachbarländern vergleichen, sehen wir sehr schnell, dass die Schweizer Politik für unsere Familien sicher nicht zu viel macht. Auf der einen Seite sehen sich Eltern mit bescheidenem Einkommen gezwungen, Vollzeit zu arbeiten, weil sonst Ende Monat das Geld fehlt. Andererseits nehmen Frauen in Mittelstandsfamilien keinen Teilzeitjob an, weil die Kinderkrippen heute zu teuer und/oder zu wenig flexibel sind, sodass sich eine auswärtige Arbeit organisatorisch und finanziell schlichtweg nicht lohnt.

Massnahmen für eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden sogar von den Wirtschaftsverbänden propagiert. Auch was die finanzielle Unterstützung der Familien betrifft, sind andere Länder weit grosszügiger als die Schweiz. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der gerade breit diskutierte Vaterschaftsurlaub, der fast in allen europäischen Ländern, vielfach sogar über eine noch grosszügigere Elternzeit, verwirklicht ist. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich ein starker Befürworter einer progressiveren und grosszügigeren Familienpolitik bin. Trotzdem würde es mir nie in den Sinn kommen, zu behaupten, dass die Eltern «systematisch benachteiligt», ja gar «diskriminiert» werden.

Die Eltern in diesem Land verdienen Dank und Wertschätzung für ihre wichtige gesellschaftliche Arbeit. Kinder erfordern Aufmerksamkeit und Zuneigung, zwischendurch kosten sie auch viel Energie. Sie können nicht in die Ecke gestellt werden wie ein Regenschirm. Trotzdem kenne ich keine Eltern, die nicht gerne und stolze Eltern sind. Sehr viele sind dafür auch bereit, bei der beruflichen Entwicklung und beim Einkommen Abstriche zu machen. Respekt verdienen die Eltern in unserem Land für diesen für unsere Zukunft zentralen gesellschaftlichen Einsatz allemal. Natürlich sind wir Eltern im Gegenzug auch dankbar, dass die Kinderlosen mit ihren Steuern Lasten mittragen, die ihnen nicht unmittelbar von Nutzen sind, oder in der Sprache von Professor Kunz, dass sie mithelfen «ein Privatvergnügen von Dritten» mitzufinanzieren.

Die Meinungen in der Gesellschaftspolitik waren, sind und werden auch in Zukunft unterschiedlich sein. Dass Eltern und Kinderlose nicht immer einer Meinung sind, liegt in der Natur der Sache. Die Aufgabe der Politik ist es, gute Lösungen für ein gesellschaftliches «Miteinander» zu suchen und zu finden. Gegenseitige «implizite, teilweise sogar explizite» Vorwürfe nützen nichts und sind fehl am Platz. Wir alle sind privilegiert, in einem offenen und friedlichen Land ohne nennenswerte gesellschaftliche Probleme leben zu dürfen. Seien wir uns dessen in unserem Alltag bewusst und tragen wir Sorge dazu.