Die Aarauer Rapper «Doppel-A» sind nur eine der ständig wechselnden Jugendgruppen am Aarauer Bahnhof. Die az Aargauer Zeitung hatte ihnen vor einer Woche auf den Zahn gefühlt und wissen wollen, ob sie die gerappte Aggressivität auch ausleben. Nun gibt einer Auskunft, der die meisten Jugendlichen am Aarauer Bahnhof persönlich kennt: Marti Schär, der Leiter der Jugendpolizei Aarau. Der Hauptaugenmerk liegt an Wochenenden denn auch auf der Szene am Bahnhof. Hier beginnen die Polizisten ihren Dienst.
Herr Schär, hängen mehr Junge Bahnhof herum, seit er neu ist?
Martin Schär: Ja. Das stellen wir tatsächlich fest.
Ist der Bahnhof zu gemütlich?
Er ist attraktiv. Man steht im Trockenen, der Burger-King ist bestimmt auch ein Magnet und es hat Läden, die bis um 22 Uhr offen sind. Die Jugendlichen decken sich hier vor dem Ausgang mit Alkohol ein, «vorglühen» nennen wir das.
Ist ein langer Aufenthalt dort überhaupt erlaubt?
Langes Verweilen ist gemäss Transportgesetz verboten. Aber weder wir noch die Bahnpolizei sind da sehr restriktiv. Hausverbot bekommen nur jene, die negativ auffallen und beispielsweise Passanten anpöbeln.
Wie viele betrifft das?
Es sind Einzelfälle.
Jugendarbeiter sagen, dass man sich in der Öffentlichkeit trifft, gehöre zur Kultur der Migranten. In der Schweiz ist man sich das nicht gewohnt.
Das war früher so. Inzwischen gab es eine Durchmischung: Auch die Schweizer Jugendlichen besetzen vermehrt den öffentlichen Raum.
Die Rapper sagten im Interview, sie wollten gar nicht in die Clubs, sie wollten sehen, was draussen laufe.
Ich habs gelesen. Das hat aber auch mit dem Alter zu tun; in vielen Clubs sind Gäste erst ab 18 Jahren zugelassen. Hinzu kommt, dass die Jüngeren weniger Geld haben um die Eintritte und teureren Drinks zu bezahlen.
Die Passanten fühlen sich am Bahnhof bedroht, das ist ein Fact. Aber ist es tatsächlich gefährlich?
Zu Problemen kommt es meist innerhalb und zwischen den Gruppen. Die Passanten sind kaum je direkt betroffen. Dumme Sprüche fallen allerdings schon. Und wenn ein paar beieinander stehen, sieht es schnell mal bedrohlich aus. Wenn sie sich in Fremdsprachen unterhalten, wird das noch verstärkt. Wir haben auf jeden Fall ein Auge auf die Jugendlichen. Auch manche der Rapper sind keine unbeschriebenen Blätter. Sie sagten ja im Interview: «Wenn uns jemand beleidigt, müssen wir das regeln.»
Dadurch fühlen sie sich überwacht.
Überwachen - das kann man nicht sagen. Wir schauen immer, wie die Stimmung ist. Ist sie schlecht, gehen wir auf die Jugendliche zu, fragen was los ist und was sie noch vor haben.
Was wollen Sie damit erreichen?
Wir wollen sie aus der Anonymität herausholen. Wir nehmen ihre Personalien auf. Wir markieren Präsenz.
Sie zu vertreiben ist nicht das Ziel?
Nein. Solange sie sich normal Verhalten, haben wir dazu auch keine Handhabung. Aber es gibt einige, die verziehen sich, wenn sie uns sehen.
Die Rapper forderten Respekt. Haben Sie dafür Verständnis?
Wir bringen auch gegenüber einem Jungen den nötigen Respekt auf. Für uns sind sie kein Abschaum oder so.
Ist es nicht umgekehrt: Fehlt nicht der Respekt der Polizei gegenüber?
Ja, und das gilt nicht nur für diese Gruppe: Der Respekt hat gelitten in den letzten Jahren. Diese Veränderung stelle ich fest, seit ich 1987 Polizist bin. Er fehlt vor allem, weil zu viel getrunken wird.
Das ist aber nichts Neues, Alkohol wurde schon immer getrunken.
Das stimmt, aber das Konsumverhalten hat sich geändert. Mir kommt es manchmal vor, als müsste man ‹einen auf dem Deckel haben› um jemand zu sein. Weil der Ausgang zudem länger dauert als früher, wird auch mehr getrunken. Der Alkoholkonsum gibt uns am meisten zu tun. Die Leute vergessen sich.
Wie äussert sich das?
In Provokationen: «Habt ihr nichts besseres zu tun?» Früher erschraken die Leute fast, wenn wir sie kontrollierten, heute fragen viele «Wieso?» und geben schnoddrige Antworten. Der Rapper sagte, er habe das Portmonee verloren - ich bin sicher, er hatte es im Sack. Man provoziert, schaut, wie weit kann ich gehen? Doch wenn einer davonläuft, müssen wir handeln und die Kontrollen selten auch mit Gewalt durchsetzen.
Stimmt es, dass die Mädchen ebenso gewalttätig sind?
Ja, die stehen den Buben in nichts nach. Die Hemmschwelle ist zwar höher, aber wenn es los geht, wird es deftig, sie steigern sich in eine richtige Hysterie. Die männliche Gattung beschäftigt uns aber stärker.
Wird es schlimmer?
Es war schon schlimmer, es war auch schon besser. Momentan stagniert es. Man darf trotz allem nicht vergessen: Der grösste Teil der Jugendlichen, rund 80 Prozent, verhält sich anständig. Und auch von diesen 20 Prozent kommt die Hälfte nur einmal mit dem Gesetz in Konflikt.