Serdar Somuncu (48) sitzt am Salontisch einer zum PR-Büro umfunktionierten Kölner Fabrikhalle und rührt in seinem Cappuccino. Der deutsch-türkische Kabarettist, der aus Angst vor Repressalien seit Jahren nicht mehr in seiner türkischen Heimat war, ist gut gelaunt und dennoch tief besorgt. Somuncu, der als Ober-Beleidiger und spitzzüngigster Provokateur des deutschsprachigen Kabaretts gilt, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und wettert eloquent über Erdogan und Köppel, über duckmäuserische Comedians und über das überforderte Schweizer Publikum.

Herr Somuncu, Deutschland verbietet Erdogans Ministern Wahlkampf-Auftritte, die Schweiz nicht. Wer hat recht?

Serdar Somuncu: Recht hat erst mal das Gesetz. Wenn das Gesetz sagt, man darf das, dann ist in einem Rechtsstaat nichts dagegen einzuwenden, dann muss man das ertragen. Trotzdem wünschte ich mir, es ginge nicht. Moralisch hat jener recht, der sich für die gleichen Massstäbe einsetzt. Wenn Erdogan meint, Europa solle sich nicht in türkische Angelegenheiten einmischen, dann muss er damit rechnen, dass man ihm das Gleiche vorhält.

Sie treten für die Satirepartei «Die Partei» als Kanzlerkandidat an. Was sind Ihre politischen Ziele?

Die Kandidatur ist in erster Linie Teil eines satirischen Projekts, aber wenn ich gewählt werde, erkläre ich die Schweiz zu einem Teil Deutschlands. Also schnallt euch an! (lacht)

Serdar Somuncu ist der umstrittenste Kabarettist Deutschlands und beleidigt einfach jeden – auch die Schweiz.

Serdar Somuncu ist der umstrittenste Kabarettist Deutschlands und beleidigt einfach jeden – auch die Schweiz.

Ein anderes Ihrer Wahlversprechen lautet, dass Sie die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sofort abbrechen würden.

Vor ein paar Jahren hätte ich das so nie gesagt, weil ich immer der Meinung war, dass es keine Alternative zum Beitritt der Türkei zur EU gibt. Was man jetzt sieht, das ist die Folge vieler Jahre der Ausgeschlossenheit. Die Türken fühlen sich gedemütigt, chronisch verfolgt von einem Europa, das sie angeblich unterdrücken will. Die Leute haben regelrechte Rachegelüste.

Der fehlende Integrationswille Europas ist also mit schuld an Erdogans gefährlichen Machtspielen?

Erdogan spielt mit den Urängsten Europas. Er weiss genau, was er erreichen kann, wenn er die in Europa lebende türkische Minderheit aktiviert und zu einer Art Bürgerwehr macht. Es ist nur sehr schwer abzuschätzen, wie diese Entwicklung enden wird.

Wie ernst muss man es nehmen, wenn Erdogan droht, den «Flüchtlingsdeal» aufzukündigen?

Dann dürften sich die Fronten zwischen Europa und der Türkei weiter verhärten. Das Land wird sich weiter Richtung Osten abwenden. Erdogan sucht seine Handelspartner jetzt schon in den ehemaligen Sowjetstaaten. Die Märkte, die sich dort auftun, stärken die Türkei. Sie ist jetzt auf Platz 17 der Industrienationen. Erdogan sorgt für ein stabiles Gesundheitssystem, er lockt ausländische Investoren an und hat das Durchschnittsgehalt verdreifacht.

Klingt eigentlich ganz gut.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Vieles ist auf Sand gebaut. Die ausländischen Investoren kommen nicht, weil sie die Türkei toll finden, sondern weil sie geködert werden mit sehr günstigen Mieten. Es kommen Banken, die Kredite vergeben. Die Leute verschulden sich immer mehr. Jeder hat zehn Kreditkarten, aber keiner zahlt die Kredite zurück.

Ratenzahlungen, Kreditkarten und Schulden gibts bei uns auch.

Aber niemanden, der die Grundfesten des säkularen Staates so unterwandert, wie Erdogan es in der Türkei gerade tut. Der Kemalismus, der lange Zeit Garant dafür war, dass die Türkei nach Westen ausgerichtet blieb, bröckelt. Viele Intellektuelle sind im Gefängnis, Richter sind ausgeschaltet, es gibt keine freie Presse mehr. All das, was wir Diktatur nennen, ist im Moment in der Türkei Realität.

Serdar Somuncu - Kabarettist, Kanzlerkandidat, Erdogan-Kritiker:

Sie sind ein Meister der Beleidigung. Wie soll der Westen denn mit Erdogans Provokationen umgehen?

Man muss der Türkei auf Augenhöhe begegnen. Das hat man bisher nie gemacht. Die Türkei war jahrelang Antragstellerin und musste darum betteln, Teil der EU sein zu dürfen. Europa und auch die Schweiz haben sich dabei durch eine ausgesprochene Türken-Phobie hervorgetan. Man hat immer vor der Unterwanderung der christlich-jüdischen Gesellschaft durch den Islam gewarnt. Dadurch haben sich Zerrbilder festgesetzt. Islamismus und Islam sind in vielen Köpfen dasselbe. Nehmen wir die Minarett-Initiative: Ich glaube nicht, dass die Schweiz von islamischen Architektur-Schändern in den Ruin getrieben wird.

Die Zerrbilder nützt Erdogan aus?

Das Problem ist, je mehr sich die Türken separieren und ihre Eigenheiten stilisieren, desto mehr spielen sie in die Hände der Nationalisten. Sie bestätigen, dass sie eine Parallelgesellschaft sind, dass sie eine komplett andere innere Identität haben, obwohl sie hier leben und doppelte Staatsbürger sind. Und das ist natürlich ein riesiger Affront und Wasser auf die Mühlen der Nationalisten. Die ganze Arbeit der letzten Jahre machen wir uns kaputt. Erdogan wirft die in Mitteleuropa lebenden Türken den Hunden zum Frass vor. Er hetzt sie gegen ihre Nachbarn auf.

Die grösste Boulevard-Zeitung der Schweiz, der «Blick», rief dazu auf, das Verfassungsreferendum abzulehnen. Ist es richtig, den Türken zu sagen, wie sie stimmen sollen?

Nein, damit lässt man sich auf das Level der billigen Polemik herab, das Erdogan vorgibt. Ich würde dieses Spiel nicht mitspielen. Wahlempfehlungen stehen weder den Schweizern noch den Deutschen zu. Erdogan probiert grad aus, wie weit er gehen kann. Andere machen das auch, in Amerika Trump, in Deutschland die AfD, in der Schweiz ist es die SVP. Davon darf sich die Bevölkerung nicht infizieren lassen. Man soll politische Diskussionen auf der Ebene der Vernunft führen und nicht auf der Ebene des reinen Affekts.

«Ausschaffungsinitiative – das klingt so nett. Aber wir verstehen schon, was ihr damit meint»: Serdar Somuncu nimmt die Schweizer aufs Korn

Ausschnitt aus dem Auftritt des deutsch-türkischen Satirikers am Arosa Humor-Festival. (Januar 2016)

Sie vergleichen den politischen Stil der SVP mit jenem der AfD?

Absolut. Ich bin erstaunt darüber, wie Wahlplakate in der Schweiz aufgehängt werden können, ohne dass sehr viele Leute aufstehen und sagen: Stopp, das schadet unserem Ruf. Was ich da manchmal sehe, das ist so extrem, so tendenziös, so radikal, dass ich mich frage, ob das der vermeintlich neutralen Schweiz gut ansteht.

Im Kabarett ist das ja anders. Da wird endlos polemisiert. Wird nun auch die Politik kabarettistisch?

Das ist leider so. Die schlechteren Comedians machen gerade Politik. Und die Politiker machen schlechte Comedy. Die Populisten haben erkannt, dass einfache Phrasen und Floskeln einfache Menschen schneller erreichen. Es ist unsere Aufgabe, dagegenzuhalten. Man muss erklären, dass es unmöglich ist, in einer Welt zu leben, in der wir von allem profitieren wollen und günstig Waren herstellen lassen. Gleichzeitig grenzen wir aber Menschen aus, die das Gleiche wollen. Man darf nicht bei H&M ein T-Shirt für vier Euro kaufen, ohne sich zu fragen, unter welchen Bedingungen das T-Shirt produziert worden ist.

Wer hat denn den Schal produziert, den Sie tragen?

Das ist ein Gent-Schal, der ist in den USA hergestellt worden.

Glück gehabt.

Ich war auf die Frage vorbereitet.

Sie selbst sind seit zwei Jahren nicht mehr in der Türkei gewesen, weil Sie um Ihre Sicherheit fürchten. Was löst das in Ihnen aus?

Die Türkei von heute, das ist nicht mehr mein Land. Das war jenes, in dem ich unbekümmert am Bosporus sitzen, einen Fisch essen und ein Glas Wein trinken konnte. Das macht mich traurig, weil ich nie gedacht hätte, dass es soweit kommen könnte.

Sie werden massiv angefeindet. Wie viele Morddrohungen haben Sie letzte Woche erhalten?

Puh, genug.

«Die Schweizer sind, was sich die Deutschen nicht mehr trauen: gepflegt ausländerfeindlich»: Serdar Somuncus Auftritt am Arosa Humor-Festival aus dem Mitschnitt von TV24 in voller Länge.

(Januar 2016)

Sind es Ihre kabarettistischen Provokationen wert, dass Sie jetzt um Ihre Sicherheit fürchten müssen?

Als ich in Deutschland Lesungen von Hitlers Buch «Mein Kampf» veranstaltet habe, da habe ich mich oft gefragt: Was hätte ich eigentlich damals gemacht? Wie viel persönliches Risiko hätte ich auf mich genommen? Diese Fragen stelle ich mir angesichts der aktuellen Entwicklungen natürlich mehr denn je. Ich merke: Ich habe gar keine andere Wahl. Ich muss Widerstand leisten gegen das, was ich als ungerecht empfinde.

Was haben Sie bei der Auseinandersetzung mit Hitlers «Mein Kampf» gelernt?

Aufmerksam zu sein und erkennen zu können, wo faschistische Tendenzen vorhanden sind und wohin sie führen.

Fehlt diese Fähigkeit in unserer Gesellschaft?

Ja, auch in der Schweiz.

Wie kommen Sie darauf?

Ich war mal in einer Sendung zusammen mit Roger Köppel. Mit dem, was er macht, diskreditiert er das ganze Land. Er ist schnell, er ist vereinfachend, er ist verführerisch. Heute ist es oft so, dass derjenige, der am lautesten schreit, auf die Schnelle die meisten Leute erreicht. Das liegt nicht an der Dummheit des Volkes, sondern an der Einfachheit der Botschaft.

Die Schweiz hat gerade der erleichterten Einbürgerung für Ausländer der dritten Generation zugestimmt. Das spricht gegen Ihre These.

Das zeigt, dass die Vernünftigen nicht vorschnell resignieren müssen, dass auch die Schweizer in der Lage sind, sich eingehend mit einem Thema zu befassen, bevor sie sich von der SVP manipulieren und in eine Ecke drängen lassen. Wir dürfen es niemandem, auch nicht der SVP, überlassen, die Wahrheit für sich zu reklamieren. Wir müssen um die Wahrheit ringen, aufzeigen, woher bestimmte Argumentationen kommen.

Um das zu verdeutlichen, haben Sie früher auf der Bühne aus «Mein Kampf» vorgelesen. Braucht es in der aktuellen Lage wieder öffentliche Hitler-Lesungen?

Nein, wir haben ja Björn Höcke (AfD-Landesvorsitzender Thüringen, Anm. d. Red.), der reicht schon. Der macht meinen Hitler-Lesungen Konkurrenz. (lacht) Aber ernsthaft: Ich glaube, dass solche Lesungen heute nicht mehr viel bringen würden. Das ist ein Mittel aus einer Zeit, in der ich versucht habe, aus dem intellektuellen Rahmen heraus eine gewisse Erziehungsarbeit zu leisten. Heute müssen wir Kabarettisten viel mehr an die Front. Es reicht nicht, sich hinter Ironie und Zynismus zu verstecken. Leider ducken sich heute viele Künstler weg.

Sie haben diese Frontkämpfe als Kabarettist nie gescheut. Trotzdem passen Sie Ihr Programm an, wenn Sie in die Schweiz kommen. Warum?

In der Schweiz fühlt es sich ein bisschen abgeschiedener an. Ich will nicht verallgemeinern, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Schweizer ungeschulter sind im Umgang mit Diversität. Man kann bei euch auf die Bühne gehen und sein Programm normal durchziehen, ohne dass man die Leute damit gravierend irritiert oder überfordert.

Das sehen wir anders, in unseren Städten gibt es viel Diversität.

Zürich hat doch mit der Schweiz nichts zu tun. Zürich ist eine Weltstadt, dort habe ich bei meinen Auftritten nicht nur Schweizer im Publikum sitzen. Ganz anders ist es in den Dörfern. Das ist für mich aber immer total aufregend. Es gibt in der Schweiz Orte, da denkst du, die Menschen bringen dich gleich um.

Das sagen Sie, der vor Neonazis mit schusssicheren Westen aufgetreten ist.

Ihr habt in der Schweiz auch einige Neonazis. Die Umstände sind schon speziell. Unter dem Deckmantel des Friedlichen, der bei euch alles überdeckt, fühlst du dich erst mal sicher. Du kommst an, alles ist friedlich, die Kühe, die Wiesen, die Berge. Aber darunter sind die Leute schon ein bisschen aggressiv.

Wie kommen Sie darauf?

Wir feierten vor drei Jahren Silvester in der Nähe von Urnäsch. Da sind wir einen Berg raufgefahren, um in einer Hütte zu feiern, aber wir hatten uns vertan. Das war kein Berggaudi, sondern die interne Feier eines Schützenvereins. Hey Alter, da habe ich die Schweiz aber richtig kennen gelernt! Wie die uns angeguckt haben, als Einzige, die nicht dazugehörten, das war schon brutal.

« Wir müssen wissen, wann Schluss ist, am Leid der Menschen zu verdienen»: Serdar Somuncu redet im Dezember 2015 im ARD-Talk «Hart aber fair» Klartext zum Thema Flüchtlinge

(Januar 2016)

Ihre Auftritte sind auch nicht ohne. Am Arosa Humorfestival 2016 wurde Ihr Stand-up – als einziger – nicht im Fernsehen gezeigt. Wie beurteilen Sie die Situation heute?

Ich habe diesen angeblichen Skandal nie verstanden. Ich war doch ganz harmonisch. Als mich die Veranstalter angefragt haben, musste ich lange überlegen. Aber ich wollte Ski fahren, ich habe Geld bekommen und konnte fünf Tage im Luxushotel verbringen. Also sagte ich zu, aber ich fragte mich schon, ob die wissen, wen sie engagiert haben. Nach meinem Auftritt sagte mir der Veranstalter: «Das war richtig gut. Du hättest aber ruhig härter sein können.» Ich war erstaunt, dass mein Auftritt nicht im Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Dann machen wir Ihnen ein Angebot: Sie können sagen, was Sie wollen, und wir drucken das unzensiert ab. Versprochen. Bitte:

Ich gebe Ihnen jetzt ein Beispiel. Vor fünf Jahren habe ich einen Anruf erhalten aus dem Bundeskanzleramt. Man hat mich gebeten, den Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu eröffnen. Ich dachte mir, das ist ein Witz, die wissen nicht, was ich mache. Wir haben dann gefragt: Wissen Sie wirklich, wer Serdar Somuncu ist? «Ja.» Und wissen Sie, was der auf der Bühne sagt. «Ja.» Und Sie wollen, dass er auftritt? «Ja.» Also bin ich auf persönliche Einladung der Kanzlerin dahin. Und jetzt ratet mal, was passiert ist.

Sie spielten den provokativsten Auftritt Ihrer Karriere?

Im Gegenteil. Das war der gefälligste Stand-up, den ich in meinem ganzen Leben gespielt habe. Es gab keine Grenze. Es war so reizlos, das zu überspannen, dass ich letztendlich ganz brav war. Keine Grenzen zu haben, die man überschreiten kann, das ist schrecklich.

Zur Person: Der Hassprediger, der Hitler liest

Serdar Somuncu wurde 1968 in Istanbul geboren und wuchs in Deutschland auf. Der heute 48-Jährige studierte Musik, Schauspiel und Regie in Maastricht und Wuppertal. Später inszenierte er Theaterstücke, stand auf Bühnen und vor Filmkameras. Als Kabarettist bekannt wurde Somuncu durch seine entlarvenden Lesung aus Hitlers «Mein Kampf». Er hielt sie oft vor Neonazis, aber auch vor ehemaligen KZ-Häftlingen. Für Aufsehen sorgten zudem seine Kabarettprogramme «Hitler Kebab» und «Der Hassprediger». Mittlerweile ist Somuncu regelmässig TV-Gast in deutschen Politsendungen wie «Anne Will» und «hart aber fair». In seinem Buch «Der Adolf in mir» beschäftigt sich Somuncu mit Faschismus, Islamismus und der NSU. Seit einigen Monaten rechnet er mit Erdogan ab. In der Schweiz sorgte Somuncu mit seinem Auftritt am Arosa Humorfestival 2016 für Aufsehen, wo er unter anderem den SVP-Übervater als «Christoph Arschblocher» bezeichnete. Das Schweizer Fernsehen kürzte seinen Auftritt. Somuncu sprach von Zensur, das SRF von redaktioneller Auswahl. In Somuncus neustem Projekt steigt er für eine Satirepartei in den Wahlkampf um das deutsche Bundeskanzleramt.