Gibt es den Jazz in Aarau? Was macht ihn aus, was prägt ihn? Die Spurensuche aus Anlass von Jazzaar führt ins Café im lichten Kunsthaus-Foyer, wohin der Gewährsmann gebeten hat – Marco Käppeli, Herzschrittmacher des zeitgenössischen Jazz in Aarau.

Das Kunsthaus ist ihm Ort der Ruhe und der Inspiration. Er ist Stammgast hier. Offensichtlich. Madeleine Schuppli, die Direktorin, kommt an den Tisch. Marco Käppeli ist Stammgast auch als Musiker, der Kindern und Jugendlichen die Ohren und Augen öffnet – als Teil der Kunstvermittlung im Aargauer Kunsthaus.

Kinder gehen durch die Sammlung, suchen sich ein Bild aus, hören die Rhythmen und Klänge, die ein Tonkünstler zum Bild improvisiert. Die Kinder erweitern ihre optischen Eindrücke mit klanglichen.

Partner der Kunstvermittlung im Kunsthaus ist der Verein «Gong», der sich seit über dreissig Jahren dafür einsetzt, selten gehörte, «unerhörte» Musik zur Aufführung zu bringen, junge Künstlerinnen und Künstler zu fördern, Kinderkonzerte zu organisieren und – wie im Kunsthaus – Berührungen zwischen Musik, Klang und bildender Kunst zu schaffen.

Marco Käppeli ist als Gong-Mitglied aktiver Partner dieser Kunstvermittlung. Über 50 Veranstaltungen sind es inzwischen. Über 1000 Kinder sind an Kunst unterschiedlichster Ausprägung herangeführt worden.

«Es ist wunderbar, was Kinder in den Bildern sehen, durch welche Gedankengänge sie die Musik führt.» Das Projekt werde wahrscheinlich weitergeführt, das Interesse der Lehrpersonen sei nach wie vor gross.

Jazz ist Improvisation

Was bei diesen klanglich begleiteten Kunst-Betrachtungen passiert, ist Jazz. Denn: Jazz ist Improvisation, unterlegt mit spezieller Rhythmik und vom Musiker geprägter stilistischer Individualität.

Das zeichnet auch Marco Käppeli aus. Er mag das offene, mit afro-kubanischen Stilelementen angereicherte Spiel. Das reine Time-Spiel interessiert ihn weniger. «Ich möchte meine eigene Person, meine eigene Kreativität einbringen, und das ist im Jazz am besten möglich.»

Käppeli strukturiert die Zeit, überlagert, bremst, moduliert und sucht neue ungewohnte Effekte. «Wichtige Aspekte meiner Musik sind die Improvisation und das Aufbrechen von Rollen.»

Pepe Lienhard unterstützt die Nachwuchskünstler bei Jazaar

Das ist Jazz moderner Ausprägung. Zu ihm haben die Kinder zwischen den Bildern im Kunsthaus unvoreingenommenen Zugang, eher als die Erwachsenen mit festgefahrenen Hörgewohnheiten.

Das Gespräch im Kunsthaus-Restaurant führt zwischen Salat und Pasta zur Neuen Kanti, wo Marco Käppeli seit einigen Jahren unterrichtet. Es mache ihm grossen Spass mit jungen Menschen zu arbeiten, ganz abgesehen davon, dass ihm die Arbeit als Lehrer die finanzielle Freiheit gibt, seine Engagements auszuwählen.

«Renold bestellt den Acker»

An beiden Aarauer Kantonsschulen unterrichtet auch Fritz Renold, Saxofonist, Komponist und Spiritus Rector des Projekts Jazzaar Festival, das Aarau diese Woche zum Jazzmekka der Schweiz macht.

Das Konzept «Bandstand Learning With Role Models», das Renold zusammen mit seiner Frau Helen entwickelt hat, ist ein Eckpfeiler der Jugendförderung der Schweizer Jazzszene. «Er sät, er bestellt den Acker», sagt Käppeli von Renold.

Bandstand Learning with Role Models ist ein Jugendförderungs- und Austauschprojekt, das in Aarau seit 1992 durchgeführt wird.

Das Konzept basiert darauf, hoch qualifizierte Musiker von internationalem Ruf mit ausgewählten, jungen und ehrgeizigen Musikern zwischen 14 und 24 Jahren zusammenzubringen.

Den jungen Talenten wird ein «learning by doing» ermöglicht unter der Aufsicht von professionellen Coaches, die ihr ganzes Wissen und ihre ganze Erfahrung weitergeben und ein musikalisches Werk zur Perfektion bringen.

Der Erfolg ist offensichtlich. Der Schlagzeuger Matthias Künzli (New York), der Saxofonist und Bandleader Rafael Baier, die Harfenistin Eliane Zweifel und der Saxofonist Phil Hilfiker (American School of Modern Music in Paris) sind nur ein paar der Teilnehmer der letzten 15 Jahre, die sich für eine professionelle Musikerkarriere entschieden haben.

Wie eine Befreiung

«Jazz ist für die Jugendlichen wie eine Befreiung, endlich können sie frei spielen, können sich entwickeln», sagte Fritz Renold bei anderer Gelegenheit. Die Jugendlichen, an den Schulen gefördert, hätten heute eine grössere Ahnung von Jazz.

«Am Jazzaar können sie zeigen, was sie draufhaben», sagt Marco Käppeli. Jazzaar ist wie ein Assessment. Wer drei-, viermal am Jazzaar war, weiss, ob er diesen Weg einschlagen will, wird Renold zitiert. Über 150 hätten den Sprung zum Berufsmusiker geschafft. Einige wirken selber immer wieder als Lehrer und Musiker bei Jazzaar.

Es sind die Lehrer, welche den Jazz in einer Stadt wie Aarau zum Blühen bringen, solche wie Käppeli und Renold.

Daran, dass Pepe Lienhard einer der herausragenden Bandleader in Europa wurde, ist auch ein Lehrer schuld, Gesangslehrer Fritz Guggisberg, der ihn an der Kanti in Aarau in die Geheimnisse der Harmonielehre einführte. Die Lehrer liessen ihm für seine Aktivitäten den nötigen Freiraum, wie er kürzlich im Interview mit der az sagte.

Mit 17 gründete Pepe Lienhard an der Kanti Aarau seine erste Big Band und gewann mit dieser Formation am Zürcher Jazz-Festival in seiner Kategorie den ersten Preis.

Jetzt ist er wieder zurück, bespielt am Jazzaar mit dem Swiss Youth Jazz Orchestra und The Brecker Brothers Band Reunion den Saalbau (wie das KuK früher hiess). Hier hat er unzählige Konzerte gegeben, auch schon während der Kantizeit.

Sie prägen die Szene

Marco Käppeli fallen viele andere Namen ein, die Aarau zum Jazzmekka machen: der hochgehandelte Trompeter Peter Schärli, Bassist Thomas Blättler, Saxofonist Thomi Meier, Geiger Tobias Preisig und Sängerin Renata Friederich oder Vibrafonist Erich Fischer. Es gibt viele mehr. «Aarau und mithin der Aargau haben eine belebte und belebende Jazzszene», sagt Käppeli.

Das belegen auch Aaraus Clubs, Jazzclub Aarau und Jazz live Aarau. «Die Auftritte in den Jazzclubs oder die Konzerte mit meinen Schülerensembles mag ich besonders», sagt er.

Gerade übe er mit seinem Ensemble an der Neuen Kanti «wie verrückt» für den Vernissage-Auftritt am 17. Mai im Kunsthaus. «Rhythm in it. Vom Rhythmus in der Gegenwartskunst» heisst die internationale Gruppenausstellung.